Ansprache zur Gedenkveranstaltung am 8. Mai 2000 auf dem Hermelsbacher Friedhof

Liebe Genossinnen und Genossen, liebe Freundinnen und Freunde,

auch an diesem 8. Mai, dem 55. Jahrestag der Befreiung von der nationalsozialistischen Diktatur, stehen wir hier am Ehrenmal für die ums Leben gekommenen sowjetischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. An diesem Ort gedenken wir nicht nur ihnen, sondern allen vom deutschen Herrenmenschentum Verfolgten, Verschleppten, Versklavten und Vernichteten. Ebenso gedenken wir dem antifaschistischen Widerstand und den Soldaten der alliierten Armeen, die dieser Verfolgung, Verschleppung, Versklavung und Vernichtung heute vor 55 Jahren ein Ende bereiteten.

Aber vielleicht lohnt es sich angesichts der aktuellen Diskussionen um Entschädigungszahlungen und Schlußstriche, sich einmal besonders dem Schicksal der hier Begrabenen zuzuwenden und dem derer, die Ähnliches erlebten und vielleicht überlebten. In der zweiten Hälfte des Jahres 1944 waren auf dem Gebiet des deutschen Reiches über 7,6 Millionen ausländische Arbeitskräfte als beschäftigt gemeldet, zum Teil Kriegsgefangene, zum Teil Zivildeportierte. Im Siegerland waren es zum gleichen Zeitpunkt etwa 15.000 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Das entsprach einem Bevölkerungsanteil von etwa 9% und einem Anteil an der arbeitenden Bevölkerung von über 25%. Sie arbeiteten in Industrie und Landwirtschaft, aber auch in Handwerksbetrieben, bei den Kommunen, in Bäckereien und in der Gastronomie. Auch wenn sie in Lagern interniert waren, sie von der einheimischen Bevölkerung isoliert wurden, war es unmöglich, nicht in irgendeiner Weise mit ihnen zu tun zu haben. Menschenrechtsverletzungen und Diskriminierungen gehörten zum Alltag. Es war unmöglich, davon nichts mitzubekommen. Vom Verbrechen der millionenfachen Versklavung haben alle wenigstens gewußt. Nur für ein Verbrechen hielten es die wenigsten, schon gar nicht nach dem Krieg, als die Angehörigen des Herrenvolks sich vor allem selbst als Opfer fühlten, lautstark gegen ungerechte Behandlung und Willkürherrschaft durch die Alliierten protestierten und sich gegenseitig versicherten, unter widrigen Umständen anständig geblieben zu sein. Die Fremden seien trotz der “damals herrschenden Bedingungen entsprechend gut behandelt” worden, heißt es etwa in einem Persilschein der Siegener Nachkriegspolizei — ausgestellt für einen Gestapo-Beamten, der einen italienischen Zivilarbeiter durch Genickschuß tötete, weil er ihn verdächtigte, eine Flasche Bier “geplündert” zu haben, und dafür 1949 vor Gericht steht.1 Es hat den Ostarbeiter gegeben, der auf dem Bauernhof trotz offiziellen Verbots am Tisch der Familie sitzen durfte. Die gern erzählten Geschichten vom Brot, das über den Zaun gereicht wurde, sind nicht gänzlich aus der Luft gegriffen. Da die regionale Geschichte der Zwangsarbeit schon vor einigen Jahren durch Ulrich Opfermann sorgfältig aufgearbeitet worden ist, fällt es aber nicht schwer, solchen Anekdoten den Alltag der allermeisten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter entgegenzuhalten.

Sie kamen wie überall in Deutschland auch in der hiesigen Region vor allem aus den Gebieten, aus denen der neue germanische “Lebensraum im Osten” werden sollte und die deswegen für die bisherige Bevölkerung zur Todeszone wurden. Sie kamen als Kriegsgefangene oder, wie es euphemistisch hieß, wurden als “Vertragsarbeiter” vor allem in der Ukraine “angeworben”. Diese “Anwerbung” geschah mit so viel Zwang wie erforderlich war, um die vorgegebenen Kontingente zu erfüllen. Dörfer wurden umstellt, die Menschen zusammen getrieben, die zum Arbeitseinsatz Verwendbaren selektiert. Wer sich widersetzte oder auf dem Marsch zur Verladestation liegenblieb, wurde erschossen. Wer Gefangennahme oder “Anwerbung” überlebte, trat in Güterwaggons die mehrwöchige Fahrt ins “Reich” an. Die meisten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter waren in Lagern interniert, meist auf Betriebsgelände, die sie außer zur Arbeit nicht verlassen durften. Ihre Unterkunft in überfüllten, im Sommer überhitzten, im Winter kaum beheizten Baracken war menschenunwürdig. Sie entsprach damit ihrer Kleidung, die sie auftragen mußten, und den sanitären Verhältnissen. Hygiene und Gesundheitsversorgung waren nur insofern und insoweit vorgesehen, als die Arbeitsfähigkeit erhalten werden und die deutsche Bevölkerung vor Seuchen geschützt werden sollte. Wie aus Berichten des Gewerbeaufsichtsamtes bekannt ist, hielten viele Betriebe nicht einmal die dazu erforderlichen Mindeststandards ein. Zivilarbeiter aus westlichen oder verbündeten Ländern waren im Verhältnis besser dran, auch im Bereich der Ernährung. Russen, Polen und Ukrainer wurden dagegen auf Hungerrationen gesetzt, und das nicht wegen Knappheit der Nahrungsmittel, sondern als Ergebnis politischen Willens, denn auf Grund der systematischen Ausplünderung der besetzten Gebiete war die Versorgungslage verhältnismäßig gut für die deutsche Bevölkerung bis 1944 besser als in den letzten Vorkriegsjahren. Dennoch gab es laut den Stimmungsberichten des Sicherheitsdienstes in der deutschen Bevölkerung Unruhe, weil man die Zuteilungen für ausländische Arbeitskräfte für zu hoch hielt. Die lokale Presse warnte vor der Bettelei der Fremden und “unangebrachtem” Mitleid immerhin ein Indiz, daß es so etwas wie Mitleid gegeben hat. Wenn es überhaupt Luftschutzeinrichtungen für die ausländischen Arbeitskräfte gab, waren sie von denen der Deutschen getrennt. Die Bunker, für deren Bau französische und sowjetische Kriegsgefangene schufteten, waren für sie selbst nicht zugänglich. So waren unter den 71 Toten des ersten größere Luftangriffes auf Weidenau 49 Ausländer. Mißhandlungen durch Wachpersonal oder Gestapo, Deportationen sogenannter “Verbrechernaturen” in Konzentrationslager und sogenannter “Geisteskranker” in Euthanasieeinrichtungen gehörten zur Tagesordnung.

An keinem der nationalsozialistischen Verbrechen war die deutsche Zivilbevölkerung so unmittelbar beteiligt wie an der Sklavenhaltung während des Krieges. Und keines der nationalsozialistischen Verbrechen ist nach dem Krieg erfolgreicher geleugnet und besser verschwiegen worden. War es das schlechte Gewissen derer, die sich nach Feierabend für die Ernte auf dem Kartoffelfeld sich mal eben vom Chef zwei Russen mitgeben ließen? Oder die tiefe Überzeugung der Rechtmäßigkeit des eigenen Handelns gegenüber dem Fremden, Anderen, Minderwertigen? Daß die Größe der Essensportionen von der Volkszugehörigkeit und nicht von der Verfügbarkeit der Nahrungsmittel und den Bedürfnissen der Esser abhing, hat die Volksgenossen vor der Kapitulation nicht gestört. Nach der Kapitulation, wo die befreiten Kriegsgefangenen, allein schon auf Grund ihres oftmals stark geschwächten Zustands größere Portionen bekommen, entdecken sie die himmelschreiende Ungerechtigkeit dieser ungleichen Verteilung. “Die Russen essen uns alles weg”, ist die verbreitete Auffassung, sooft die britische Militäradministration auch darlegt, daß die Befreiten genau wie die eigenen Truppen zu 97% aus Beständen der Alliierten versorgt werden und die Ernährungslage überall in Europa desolat ist. Daß die befreiten Zwangsarbeiter in johlenden Horden voll Rachsucht und plündernd über friedliche Siegerländer Dörfer hergefallen seien, ist bis heute Stand der Heimatforschung. Es wäre verwunderlich, wenn es keine Fälle gegeben hätte, in denen sich die Befreiten für die erlittenen Entbehrungen schadlos gehalten hätten. Tatsächlich kam es aber überraschend selten zu Gewaltausbrüchen. Daß diese gerne kolportiert werden, liegt an der Entlastungsfunktion: Man rechnet auf, aber mit der Ungenauigkeit, die notwendig ist, um die Gleichheit der Opfer behaupten zu können. Nachrechnen darf man da nicht. Läßt sich Leid quantifizieren? Darf man mit den Zahlen von Toten argumentieren? Ist nicht jedes Opfer von Krieg und Gewalt zu beklagen? Darf man vergleichen?

Verfängliche Fragen, aber vergleichen wir doch einfach mal die so lautstark bejammerte Besatzungspolitik der Alliierten mit einem Befehl der in der Ukraine stehenden 12. Panzerdivision vom 3.11.1941, nach dem die Lebensmittelbeschaffung für Besatzungstruppen und Reich folgendermaßen anzugehen sei:

“1. Durch Ausmerzung überflüssiger Esser (Juden, Bevölkerung der ukrainischen Großstädte), die wie Kiew überhaupt keine Lebensmittel erhalten;
2. durch äußerste Reduktion der den Ukrainern der übrigen Städte zur Verfügung gestellten Rationen;
3. durch Verminderung des Verzehrs der bäuerlichen Bevölkerung.”2

Ich finde, der Vergleich lohnt sich.

Es gehört zur deutschen Erinnerungskultur, sich nicht nur selbst zum Opfer zu stilisieren, Mahnmale möglichst unverfänglich und allgemein den “Opfern” oder den “Opfern von Krieg und Gewalt” zu widmen und auf der Grundlage, daß ja “alle” irgendwie gelitten hätten, Versöhnung anzubieten, sondern diese propagierte Gleichheit aller Opfer als Hierarchie zu praktizieren. An der Spitze dieser Hierarchie stehen die Gefallenen der Wehrmacht, dann die Opfer der deutschen Zivilbevölkerung. Unter den Verfolgten des Nazi-Regimes sind die Opfer der Shoah und des antifaschistischen Widerstandes noch privilegiert. Ganz am unteren Ende der Skala stehen die Ermorderten, an Krankheit und Erschöpfung oder durch Bomben ums Leben gekommenen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Krieg und Elend im Siegerland, das am meisten verbreitete heimatkundliche Werk zu Krieg und Nachkriegszeit in der Region, enthält eine Auflistung der Kriegsopfer. Die ums Leben gekommenen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter tauchen nicht auf. Dafür finden sich bei den deutschen Zivilopfern unter der Kategorie “Von Russen ermordet” fünf Namen. Auch im Gedenkbuch der Stadt Siegen, das in den 50er Jahren angelegt wurde, finden sich nur die Namen der im Siegerland ums Leben gekommenen Deutschen wie der an den Fronten gefallenen Siegener.

Wenn man heute in eine Internet-Suchmaschine die Suchbegriffe “Zwangsarbeit” und “Entschädigung” eingibt, wird das zusätzliche Stichwort “Schlußstrich” die Anzahl der Treffer nicht wesentlich reduzieren. Kürzlich ereiferte sich auf einer Familienfeier jemand, von dem ich es nicht erwartet hätte, darüber, daß die Zwangsarbeiter jetzt noch, 55 Jahre nach Kriegsende, entschädigt würden. Irgendwann müsse doch einmal Schluß sein. Sie ist schon merkwürdig, diese Forderung nach dem Schluß von etwas, was gar nicht stattgefunden hat. In besonders versöhnlichen oder besonders bitteren Momenten mag man sie sogar komisch finden. Ungewöhnlich ist sie nicht. Man könne nicht ewig im Büßerhemd herumlaufen, fordern ja schon seit Jahren diejenigen, die nie eines anhatten.

Es geht bei dem Umgang mit dem Verbrechen der nationalsozialistischen Sklaverei zum einen um die angemessene Entschädigung der heute noch Überlebenden Deportierten. Wenn eine angemessene Entschädigung, wie oft und sicherlich zu Recht betont wird, nicht möglich ist und es nur um eine Geste des Anstands gehen kann, die auch noch ganz unanständig spät kommt, sollte sie nicht auch noch so unanständig niedrig sein.

Da die Verhandlungen abgeschlossen sind und die notleidende deutsche Industrie erst knapp 60% der versprochenen und von der Steuer absetzbaren Milliarden zusammen hat, wird dieser Appell wohl wenig fruchten. Der andere zentrale Punkt bei der Auseinandersetzung mit der Zwangsarbeit betrifft uns direkter. Es geht um den Umgang mit der Geschichte. Wer sich darauf freut, die nationalsozialistischen Verbrechen endgültig der Vergangenheit angehören zu lassen, sie als nur noch geschriebene Geschichte irgendwo bei Iwan dem Schrecklichen und dem Völkermord an den Armeniern einzuordnen und sie ins Anthropologische zu abstrahieren, soll sich nicht täuschen. Viele der verschleppten Sklavenarbeiter waren Kinder und Jugendliche, wurden als 14- oder 15jährige zur Arbeit gezwungen, und so gibt es vielleicht noch ein oder zwei Jahrzehnte Zeitzeugen, um die man sich nicht einfach herum lügen kann. Wichtiger ist jedoch, daß es auch hier in der Region Anknüpfungspunkte gibt, die Lügen und Legenden, mit denen es sich diese Gesellschaft über die Jahre bequem gemacht hat, aufzubrechen und der nivellierenden Rede von Opfern im Allgemeinen wie ihrer Instrumentalisierung für die Rechtfertigung neuer Kriege, entgegenzutreten.

FREUNDSCHAFT!

Björn Laser,
1 Ulrich Opfermann, HeimatFremde. “Ausländereinsatz” im Siegerland 1939 bis 1945, Siegen 1991, S. 147- 48.
2 Ebd., S. 37.