Roter 1. Mai 2001 in Siegen - Rede von DLL und VEB

Schönen guten Tag,

ok, - ich soll den P.C.-Modus nicht abstellen, und ich soll nicht sagen, was ich euch schon immer mal sagen wollte. Das war nach 15 Bier gestern Abend Konsens. - Also muss ich euch wohl das erzählen, was ich sonst auch erzähle, und das dann auch noch mit dem Impetus, den man am roten 1. Mai üblicherweise so bemüht. Also wird es anstrengend, für euch und für mich.

Diese Stadt, glaubt man den Resolutionen und Statements der letzten zwei Wochen, steht geschlossen hinter der Gesamthochschule Siegen. Kommunalpolitiker aller Couleur, Industrie- und Handelskammer, Arbeitgeberverband, DGB und heimische Landtagsabgeordnete bilden die Volksfront; sie überschlagen sich mit Solidaritäts-Bekundungen und plädieren für den Hochschulzugang mit Fachabitur: - plötzlich.

Auch den letzten ist klar geworden, dass mit dem von ihnen selbst immer favorisierten Weglassen von "Gesamt" vor der Erwähnung des ehemaligen Kompositums Gesamt-Hochschule diese Stadt plötzlich nicht mit einer Elite-Universität dasteht, wie sie alle gerne gehabt hätten, sondern Gefahr läuft, weniger als die alte Gesamthochschule zu behalten.

Das hatten sie sich anders gedacht - und zu spät bemerkt, dass mit dem Fallenlassen des alten sozialdemokratischen Bildungsideals auch die Existenz der Hochschule selbst wackelt.

Denn: unterwirft man sie den Kriterien einer Kosten-/Nutzen-Rechnung, so sind die kleinen Hochschulen im Vergleich zu den größeren eben zu teuer; manche Angebote sind zu wenig ausgelastet. So ist das eben: Wenn man Dinge nach ihrer Effizienz beurteilt, wird der schlecht laufende Laden oder werden Teile davon halt zugemacht.

Groß im Moment das Geschrei. Die EU-Subventionen aus dem Struktur-Fonds als Ausgleich für den Verlust der Stahlproduktion fließen nicht mehr. Die Bahn kappt aus Kostengründen den Anschluss ans Fernverkehrsnetz, und jetzt sollen auch noch Teile der Uni dran glauben.

Man fühlt sich vernachlässigt. Mitten in Deutschland, selbst morgens um halb zehn. Aber statt die Voraussetzungen der Verteilung von Ressourcen überhaupt zu kritisieren, deren Folgen eben nicht nur die treffen, die ganz arm dran sind, sondern auch strukturschwache Gegenden wie diese, - statt das zu verstehen, empfehlen sich dieser Tage selbst die protestierenden Studenten als Futter für den verschärften Standortwettbewerb.

Wichtiger Wirtschaftsfaktor sei man, liest man in den Protestschreiben. Wichtig für die Region als Käufer, Mieter und Konsumenten. Und wenn das nicht zieht, greifen betroffene Studenten der Hochschule, - es handelte sich immerhin um Fachschaftsräte -, zu ganz absonderlichen Methoden. In Leserbriefen klagten sie allen Ernstes, man wolle sie aus der Stadt vertreiben. Heimatlos machen, quasi.

Instinktiv greifen sie, statt politisch und fortschrittlich zu argumentieren, zum Vokabular verfolgter albanischer Flüchtlinge. An den Infoständen steht: Erst stirbt die Universität, dann stirbt Siegen. - Das ist Quatsch.

Institutionen können im Gegensatz zu Menschen nicht sterben. Die Exekution hat man hier noch keinem Professor angedroht, und das Bildungsministerium will keine Bombenangriffe gegen diese Stadt fliegen lassen. - Es ist lustig: Noch die inländischen Spar-Opfer definieren sich selbst als verfolgte Ethnie. Dabei sind sie - in einem sich fit machenden Deutschland (für was auch immer) - nur Opfer sozialdemokratischer Modernisierungs-Politik.

Studi-Protest in Siegen: Kein Wort über den Wert zweckfreier Bildung, über die Chance, als Fachhochschüler ein Studium ohne Gebühren absolvieren zu können. Wenn man das sieht, könnte man von links argumentieren: Zumachen, die Gesamthochschule. Das Bildungsexperiment der 70-er Jahre hat hier offensichtlich komplett versagt.

Selbst das metaphorische Bild einer sterbenden Stadt stimmt nicht. Der Siegerländer an sich, - falls er überhaupt je bemerkt hat, dass es hier eine Uni gibt -, hat sie immer als Fremdkörper registriert. Die Siegerländer Mentalität mit ihrer Abneigung gegen alles von Auswärts stirbt an dem Verlust einer großen Bildungseinrichtung leider nicht.

Der echte Siegerländer wird weiter auf den Stahlwerks-Schlackehalden sitzen bleiben, auf mittelalterliche Haubergs-Traditionen stolz sein, Heimatstuben restaurieren und Gemeinschaftsbackhäuser auch im neuen Jahrtausend in jedem Dorf neu aufbauen.

Genossenschaftliche Traditionen, die heute Folklore sind, werden hier weiter sentimentale Identität stiften. Hier, im Talkessel zwischen den sieben Bergen, mischt sich das Beharren auf rückwärts gewandte Traditionen mit der Abneigung gegen Neues.

Und deswegen, wegen der Siegerländer, wäre es schon schön, wenn hier eine Hochschule bliebe - mit den Leuten von auswärts. Und die Interregio-Verbindung, die der Siegerländer so wenig nutzt, die möchten wir als Linke auch behalten. Damit man schneller wegfahren kann.

Kein Wunder nämlich, dass man hier zu Lande manchmal die Krätze kriegt.

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