Ansprache

zur Einweihung der Gedenktafel am Geburtshaus Walter Krämers in Siegen, Charlottenstr. am 27.1.1999

Herr Bürgermeister, sehr verehrter Herr Radvansky, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, liebe Genossinnen und Genossen!

Wenn wir heute hier stehen und den antifaschistischen Widerstandskämpfer Walter Krämer ehren, wollen wir dabei nicht vergessen, welche Auseinandersetzungen in der Vergangenheit um seine Person geführt wurden und wer diejenigen waren, die sich einer öffentlichen Würdigung Krämers widersetzt haben.

Wir wollen nicht vergessen, welche Schwierigkeiten es in dieser Stadt mit dem Gedenken an Walter Krämer gab und gibt. Wir wollen diese Schwierigkeiten nicht verschweigen. Wir können es nicht, wenn wir sehen, wie wenig Probleme es zu geben scheint mit dem Gedächtnis an lokale Größen wie den Nazi-Dichter Lothar Irle oder den in Nürnberg verurteilten Kriegsverbrecher Friedrich Flick. Oder auch der legendäre Siegener Bürgermeister Alfred Fißmer, nach dem ein Platz in der Oberstadt benannt ist, und auf den kürzlich ein Leserbriefschreiber, dem es mit Bauarbeiten in der Nähe eben dieses Platzes zu lange dauerte, sicherlich in guter Absicht, sehnsüchtig mit den Worten verwies: zu Fißmers Zeiten, da wäre im Rathaus noch "Gas gegeben" worden.

So lebt einer, der Kasernen zur Vorbereitung eines Angriffskrieges gebaut hat, im Gedächtnis seiner Stadt fort. Mit dem Kommunisten Walter Krämer, der zur gleichen Zeit ins Lager gesteckt wurde, ist man verfahren, wie man mit Kommunisten so verfährt. Mit Kommunisten verfährt man entweder, indem man sie ausgrenzt, sie verschweigt, sie als "Kommunisten" stigmatisiert - oder indem man versucht, wenn man denn gar nicht drum herum kommt, den "guten Kern", den "guten Menschen" vor dem "Kommunisten" zu retten. Beides hat Walter Krämer nicht verdient, letzteres hat er nicht nötig. Genauso wenig wie die Stadt Siegen es nötig hat, ihn hier in der Charlottenstraße zu verstecken.

Wir von der DLL und der Sozialistischen Jugend freuen uns, daß diese Gedenktafel heute angebracht wird und daß das auch öffentlich unter der Beteiligung des Bürgermeisters geschieht. Wir hätten uns allerdings ein sichtbareres Zeichen für Walter Krämer gewünscht, so wie wir es in unserer Anregung formuliert haben, das Haus Siegen des Kreiskrankenhauses nach dem Arzt von Buchenwald zu benennen. Das wäre ein deutliches Bekenntnis zu Walter Krämer und zu dem, was wir von ihm lernen können, nämlich praktisch gelebte Solidarität und Humanität.

Die Auseinandersetzung hierüber muß weiter geführt werden. Ich denke aber darin sind wir uns einig: daß diese Gedenktafel kein Deckel auf der Auseinandersetzung mit Walter Krämer und Siegens nationalsozialistischer Vergangenheit sein soll, sondern ein Stein, der eine solche anstößt.

Es sei mir gestattet, abschließend noch den Gruß und Dank zu übermitteln des Genossen Emil Carlebach. Emil Carlebach ist Mitglied des internationalen Buchenwaldkomitees. Er war ein enger Freund Walter Krämers und während der Haftzeit in Hameln wie später in Buchenwald sein Wegbegleiter. Sein Dank richtet sich an alle, die sich in der Vergangenheit für eine Ehrung Walter Krämers eingesetzt haben. Er hat mehrfach unterstrichen, daß es hier auch um eine Anerkennung des kommunistischen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus insgesamt geht. Leider kann er heute nicht hier sein, da er vor wenigen Wochen einen Schlaganfall erlitt. Wir wünschen ihm von dieser Stelle aus alles Gute.

Danke!

Björn für die Sozialistische Jugend Deutschlands - Die Falken und die DLL - Deine Lieblings-Liste an der GH Siegen

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