Ansprache zur Feierstunde anläßlich der posthumen Verleihung der Auszeichnung “Gerechter unter den Völkern” durch die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem am 11. April 2000 im Gläsersaal der Siegerlandhalle

Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Als letzter Redner auf einer langen Liste bin ich wohl gehalten, mich kurz zu fassen und vor allem nicht allzu viel von dem bereits Gesagten zu wiederholen. Natürlich komme ich aber nicht umhin, meine Freude zum Ausdruck zu bringen über die Ehrung, die Walter Krämer heute durch den Staat Israel zuteil wird. Mit der Auszeichnung als “Gerechter unter den Völkern” erhält Walter Krämer einen Titel, der den zahlreichen Zeugnissen, die seine Weggefährten und Lagerkameraden über ihn abgelegt haben, zur Überschrift dienen kann. Die Ausrichtung dieser Gedenkstunde durch den Bürgermeister, Herrn Stötzel, und die große Anteilnahme der Öffentlichkeit setzen wichtige Zeichen für den Umgang mit dem Andenken an den “Arzt von Buchenwald” in seiner Heimatstadt. Heute, in diesem feierlichen Rahmen, scheint man sich einig zu sein über die moralische Integrität und den historischen Stellenwert Walter Krämers. Die Akzeptanz, die er hier erfährt, ist erfreulich und es ist eigentlich überflüssig, das zu sagen hochverdient. Sie ist aber vor allem nicht selbstverständlich.

Als die Sozialistische Jugend Deutschlands gemeinsam mit dem AStA der Gesamthochschule Siegen und der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit vor drei Jahren eine Initiative ins Leben rief, einen von zwei neu gestalteten Plätzen in der Siegener Innenstadt nach Walter Krämer zu benennen, liefen wir nicht gerade offene Türen ein. Die Reaktionen in den Ratsgremien waren, wie schon in früheren Jahren, zurückhaltend bis abweisend. Es gab wohl Vorbehalte gegen die Ehrung eines Kommunisten. Allerdings wurden diese Vorbehalte kaum offen artikuliert. Es war bequemer, auf sie zu verweisen. “Aus Kenntnis der geschichtlichen Zusammenhänge”, so hieß es, sei ein breiter Konsens für einen “Walter-Krämer-Platz” nicht zu erwarten. Und es schade dem ehrenden Gedenken an Walter Krämer, wenn über den Namensvorschlag diskutiert und abgestimmt werde.1 Mit diesem Argument wurden Diskussion und Abstimmung vermieden. Ich persönlich glaube nicht, daß das Ansehen Walter Krämers unter einer solchen Diskussion gelitten hätte.

Die Plätze in der Innenstadt haben inzwischen andere Namen erhalten nachdem ernsthaft überlegt wurde, ob man sie überhaupt benennen müsse2 und nach einem geplatzten Wettbewerb zur Namensfindung, bei dem vier Freikarten für die Siegerlandhalle als Hauptgewinn winkten.3 Das Kulturzentrum VEB benannte ersatzweise den Platz vor seinem Eingangsbereich nach Walter Krämer und stellte ein entsprechendes Schild auf. Dieses Schild war nach kurzer Zeit verschwunden. Es war von Mitarbeitern des städtischen Bauhofs demontiert worden. Die Stadt entschuldigte sich dafür, das Schild ohne Rücksprache entfernt zu haben, verweigerte aber die Wiederaufstellung mit der Begründung, das “von unbefugten Personen und an einer hierfür nicht passenden Stelle” aufgestellte Schild führe den “ortsunkundigen Bürger bei der Suche nach Adressen” irre. Zwar stand das Schild an keiner Straße und war deutlich von den in Siegen verwendeten Straßenschildern unterschieden, aber, so hieß es: “Im Interesse einer aktuellen Straßenbeschilderung im Stadtgebiet” sei “diese zu Verwechslungen führende Beschilderung zu untersagen”.4

Das Vorgehen der Verwaltung in dieser Angelegenheit war zweifellos korrekt. Ebenso korrekt wie die Antwort des damaligen Oberkreisdirektors auf die 1998 gemachte Anregung, einem Teil des Kreiskrankenhauses Siegen den Namen Walter Krämers zu geben: Es sei nicht vorgesehen, den Namen des Krankenhauses Siegen zu ändern. Der jetzige Name habe sich bewährt.5 Beides zutreffende Aussagen. Nur war unsere Idee, das Krankenhaus nach Walter Krämer zu benennen, nicht von der Vermutung motiviert gewesen, der jetzige Name habe sich nicht bewährt und niemand wisse, daß mit der Bezeichnung “Kreiskrankenhaus Siegen” das Kreiskrankenhaus Siegen gemeint sei.

Immerhin führten die weiter gehenden Forderungen, die Sammlung von Unterschriften, sicherlich auch der Antrag an Yad Vashem und die dadurch geschaffene Öffentlichkeit mit dazu, daß im Kulturausschuß der Stadt Siegen ein breiter Konsens über das Anbringen einer Gedenktafel am Geburtshaus Walter Krämers erzielt werden konnte. Diese Tafel wurde im Januar letzten Jahres eingeweiht.

Die Stadt Siegen und daran wollte ich mit diesem Rückblick erinnern hat es sich mit Walter Krämer nicht leicht gemacht. Die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, mit dem antifaschistischen Widerstand, der Umgang mit den Opfern der faschistischen Gewaltherrschaft und des nationalsozialistischen Rassenwahns ist schwierig. Das Thema ist, wie man gern formuliert, “emotional belastet”.6 Die Einmütigkeit des Gedenkens und Erinnerns an Walter Krämer, heute, in diesem feierlichen Rahmen, soll aber sicherlich nicht der emotionalen Entlastung dienen und nicht dazu führen, es sich fortan leicht zu machen. Das Andenken an Walter Krämer, an seine herausragenden menschlichen Leistungen und seine ungebrochene Kraft im praktischen Eintreten für seine Ideale ist Mahnung und Verpflichtung und somit keine leichte Aufgabe.

Ich möchte noch einige Grüße übermitteln, zum einen von Willy Schmidt von der deutschen Sektion der Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora. Willy Schmidt, seit 1952 Mitglied der SPD und über lange Jahre leitender Funktionär der IG Metall, war als KPD-Mitglied in den KZs Lichtenburg und Buchenwald interniert und gehörte dem Lagerwiderstand an. Er hat Walter Krämer persönlich gekannt und wäre heute gerne selbst hierher gekommen, hat aber gerade am letzten Wochenende die Feierlichkeiten zum Jahrestag der Selbstbefreiung des Lagers Buchenwald organisiert.

Diese Selbstbefreiung, die genau heute vor 55 Jahren stattgefunden hat, wäre, wie Willy Schmidt uns sagte, ohne Menschen wie Walter Krämer, die den Mut nicht verloren und anderen Menschen Mut machen konnten, nicht möglich gewesen.

Ich möchte weiterhin Grüße übermitteln von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/ Bund der Antifaschisten, die mit einigen Vertretern, darunter dem Bundesvorsitzenden, hier anwesend ist. Liesel Krämer, die Witwe Walter Krämers, war in dieser Organisation bis zu ihrem Tod 1963 aktiv. Die 1947 ins Leben gerufene VVN hat sich zum Leitmotiv genommen, was die überlebenden Häftlinge von Buchenwald am 19. April 1945 auf dem Appellplatz des Lagers schworen: “Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.”

Daß sich dieser Leitspruch nicht überlebt hat, zeigt sich an den rassistischen Parolen, mit denen vor einigen Tagen eine Siegener Gesamtschule beschmiert wurde, und an den zahlreichen Treffen von Neonazis in Siegener Kneipen. Zeitgleich zu dieser Veranstaltung findet eine Kundgebung junger Antifaschistinnen und Antifaschisten statt, die entschlossen sind, sich solchen Parolen und denen, die sie rufen, entgegenzustellen. Ort der Kundgebung ist übrigens der Platz, der eigentlich den Namen Walter Krämers tragen sollte.

Björn Laser
Sozialistische Jugend Deutschlands “Die Falken”
DLL Deine Lieblingsliste an der GH Siegen


1 Traute Fries (SPD) am 25.6.1997 im Haupt- und Finanzausschuß der Stadt Siegen.
2 Traute Fries (SPD) am 17.9.1997 im Haupt- und Finanzausschuß der Stadt Siegen.
3 Antrag der SPD-Fraktion zur Sitzung des Rates der Stadt Siegen am 8.10.1997. Der Antrag wurde in der Sitzung zurückgezogen.
4 Schreiben der Stadtverwaltung an den VEB Politik, Kunst und Unterhaltung vom 1.12.1998.
5 Schreiben des OKD Forster (SPD) an SJD “Die Falken” vom 20.2.1998.
6 Hans-Werner Bachmann (CDU) am 15.4.1997 im Kulturausschuß der Stadt Siegen im Zusammenhang der Diskussion um die von Bündnis 90/ Die Grünen vorgeschlagenen Gedenktafeln für die verschiedenen Opfergruppen des Faschismus am Unteren Schloß.