10 Jahre DLL - Eröffnung der Festwoche

Björn, 26.10.1999

Liebe Anwesende, liebe Genossinnen und Genossen!

Ich begrüße Euch zur heutigen Veranstaltung mit Thomas Ebermann und Rainer Trampert. Ich begrüße Euch damit auch zur ersten Veranstaltung der Festwoche zum 10jährigen Jubiläum der DLL.

DLL, Deine Lieblingsliste an der Gesamthochschule Siegen. Diese drei Buchstaben wurden mal mit "Die Lustigen Linken", mal mit "Dekadent Laues Leben" aufgelöst, aber auch von der reaktionären Propaganda als "Deutsch-Leninistische Liste" gekonnt denunziert.

Diese Buchstaben zieren einen Stern und rückten somit die DLL in der an Eduard Zimmermann geschulten Fantasie bürgerlicher Kreise in die Nähe der RAF.

Mit diesen Buchstaben verbindet sich eine Geschichte, die viele der Anwesenden wenigstens teilweise miterlebt haben. Anderen, die sie nicht miterlebt haben, ist sie oft genug erzählt worden. Für den Rest - und weil sich das bei Jubiläen so gehört - möchte ich kurz an sie erinnern.

Wir schreiben das Jahr 1989. Die Mauer wackelt erst, dann fällt sie. Die Blockkonfrontation ist überwunden. Das paradiesische Zeitalter des Kapitalismus kann beginnen. Was zusammengehört, soll zusammen wachsen, wird auch zusammen wachsen und mag später vereint kräftig drein schlagen. Ausgehend von einem Hochschulstreik im Wintersemester 1988/89 finden sich in der westdeutschen Provinz einige Leute zusammen, um linke Politik an ihrer Hochschule neu zu organisieren.

Sie kommen, wie es in früheren Wahlaufrufen mit einem schönen Wort der 80er immer hieß, aus den unterschiedlichsten "Spektren" - von der katholischen Landjugend über linke Sozialdemokraten und Grün-Alternative bis hin zu Autonomen Linken. In der DLL werden die Reste einer Auseinandersetzung zwischen dogmatischer und undogmatischer Linke überwunden, schon weil für den dogmatischen Part die Beteiligten abhanden gekommen sind. Innovation, Gerechtigkeit und eine Perspektive für sozialistische Politik, unter diesem Motto - oder einem ähnlichen - gewinnt die DLL die StuPa-Wahlen im Dezember 1989 und kann zusammen mit einigen fortschrittlich gesinnten Elektrotechnikern von der ULE den AStA stellen.

Durch interne Differenzen und persönliche Geltungsbedürfnisse geht die knapp errungene parlamentarische Mehrheit noch vor den nächsten Wahlen wieder verloren. Immerhin muß das gesamte Panorama der parlamentaristischen Kräfte der BRD aufgeboten werden, um die inzwischen deutlich profilierten Linken im Oktober 1990 von der Macht zu drängen. Eine Koalition aus Konservativen, Liberalen, Grün-Alternativen und neu gegründeten JuSos fährt in den Folgejahren in wechselnden Kombinationen den Karren in den Dreck. Die DLL leckt derweil ihre Wunden, verspürt Aufbruchsstimmung und stellt erst einmal fest, daß man aufgebrochen ist, aber in verschiedene Richtungen. Irgendwann wird die Parole "Fleischtöpfe" ausgegeben und damit ist die Perspektive klar: Die DLL ist bereit und in der Lage, den AStA wieder zu übernehmen., auch und gerade, um den Basisgruppen, in denen sie sich mittlerweile organisiert hat, und der linken Politik in der Stadt eine logistische Schnittstelle zu verschaffen. Im Februar 1994 gelingt die Rückkehr in den AStA. Über vier Jahre wird der AStA von DLL erhalten, und von den Fachschaftslisten, für die sich der schöne - und treffende - Name "sozialistische Schwesterorganisationen" eingeprägt hat. Zunächst waren wir, nach zwei Jahren, in denen kein AStA gewählt werden konnte, die einzige Alternative. Später gab es sogar parlamentarische Mehrheiten.

Mit diesen war es 1998 vorbei. Zu den Ursachen zählt, neben unbestreitbaren inneren Ermüdungserscheinungen, ironischerweise ein Streik an der Hochschule - den die DLL in dieser Form nie gewollt hat, dem sie versucht hat, Kontur zu geben, und für dessen unbefriedigenden Verlauf sie in Haftung genommen wurde. Im April letzten Jahres mußte der AStA an eine Koalition aus Christdemokraten, Liberalen und sich jeder Definition willentlich entziehenden Pragmaten übergeben werden. Seither sind Basisstrukturen zerschlagen worden, eine eigenständige Position der Studierendenschaft gegenüber der Hochschule existiert nicht mehr, die studentischen Finanzen sind zerrüttet. Manchmal ergibt sich der Eindruck, alles, wofür die DLL sich eingesetzt hat, sei kaputtgemacht worden oder in sich selbst zusammen gefallen.

10 Jahre sind ein Jubiläum. Ein Jubiläum ist die Zeit, die eigene Geschichte zwischen Lederrücken zu packen und ins Regal zu stellen. Ist es also Zeit, sich selbst zu musealisieren? Es gilt, eine Bilanz, zu ziehen, die kein Schlußstrich ist. Eine Bilanz, die an dieser Stelle nur eine persönliche sein kann, schon weil sie nicht mit unserer zentralen Institution, dem berühmten "Mittwochsplenum", abgesprochen ist.

Die DLL - und ich meine jetzt den "Zusammenhang", den viel beschworenen, also auch die "Schwesterorganisationen" - hat es geschafft, mit politischen Positionen, die vielleicht 0,2% der Bevölkerung vertreten, absolute Mehrheiten an der Hochschule zu bekommen. Das spricht meiner Ansicht nach nicht nur für ihr taktisches Geschick, sondern auch für die Überzeugungs- und Anziehungskraft, die sie zeitweise entfalten konnte. Sie hat es weiterhin geschafft, die Beschränkungen des Hochschulsandkastens zu verlassen und die linke Politik in der Stadt zu koordinieren und auch selbst zu prägen. Sie hat es sicherlich auch oft genug geschafft, sich selbst im Wege zu stehen, abzustoßen, wo es galt, Verbündete zu gewinnen, und für selbstverständlich zu halten, was immer wieder neu errungen werden muß.

Wenn, was die Politik an der Hochschule angeht, alles - oder vieles - in den letzten anderthalb Jahren kaputt gemacht wurde, kann sich die DLL doch auf ihre große historische Kraft besinnen, nämlich: Recht zu haben. Wenn wir die zehn Jahre überblicken, gibt es gerade im Vergleich mit der gemeinsamen Stümperei der Staatsdemokraten keinen Grund zur Bescheidenheit. Was die "große Politik" in unserem bescheidenen provinziellen Rahmen betrifft, so haben sich, bei allen Differenzen, Spaltungen und Befindlichkeiten, Verbindungen ergeben, auf denen immerhin vieles, was in den nächsten Jahren hier im Namen der Vernunft passiert, aufbauen wird. Was die Zukunft angeht, so möchte ich keine Prognose wagen. Die DLL wird von den seit ihrer Gründung notorischen Nachwuchssorgen geplagt, aber wir sind noch da: chronisch unbescheiden, arrogant und immer wieder von der Geschichte bestätigt.

10 Jahre DLL - wieder mal ein Grund, einen zu heben, und das immer noch für eine Welt, in der es sich lohnt, abends nüchtern ins Bett zu gehen. Prost!

Jetzt bleibt nur noch, an Thomas Ebermann und Rainer Trampert zu übergeben. Ich werde die Referenten nicht vorstellen. Ihr kennt sie oder werdet sie gleich kennenlernen. Der Titel der Veranstaltung kursiert in mindestens vier Versionen. Soweit ich weiß, lautet er: "Problemlösungskompetenz - für alle, die die Zukunft ebenso gekonnt meistern wollen, wie die Vergangenheit bewältigt wurde."

Und es bleibt, Joe zu danken, der die Veranstaltung hier organisiert hat, und für den ich immer einspringen muß, wenn er mal seine große Klappe hält, weil er glaubt, es sei ein offizieller Anlaß.

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