Ansprache zur Gedenkveranstaltung am 8. Mai 1999 auf dem Hermelsbacher Friedhof

Liebe Genossinnen und Genossen, liebe Freundinnen und Freunde,

heute, am 8. Mai, am Tag der Befreiung vom Faschismus, wollen wir der Opfer des Faschismus gedenken. Wir wissen, daß wir mit unserem Gedenken in diesen Tagen nicht allein stehen. Selten war die Gefahr, daß die Opfer des nationalsozialistischen Terrors in Vergessenheit geraten, so gering wie heute. Wir werden täglich an sie erinnert. In ihrem Namen werden die Luftangriffe auf Jugoslawien geflogen. Ihnen zum ehrenden Angedenken fallen die Bomben auf Belgrad. Aber sie sind auch präsent in den Verlautbarungen des bombardierten Staates, der sich pathetisch mit ihnen identifiziert und zugleich auf seinem Territorium ethnische Massaker und Vertreibungen, sagen wir mal: zumindest wohlwollend duldet. Spätestens, wenn man sich vor die Frage gestellt sieht, ob, wie Ludger Volmer meint, Milosevic "nicht anders handelt als Hitler", oder ob, wie Peter Handke erwidert, nicht im Gegenteil die Serben heute schlimmer dran seien als die Juden zu Zeiten ihrer Ausrottung, kriegt man beim historischen Vergleich das große Kotzen.

Wer hätte gedacht, wozu die Toten des zweiten Weltkrieges, die durch Arbeit Vernichteten, die in KZs Ermordeten, die Verhungerten und Erschlagenen noch einmal gut sind! Sie helfen denen, die da meinen, Krieg sei schon ziemlich schlimm, ihr großes "Aber" zu formulieren. Sie kitten die weinerlich vorgeführte "innere Zerrissenheit". Sie formieren Mehrheiten für eine militärische Aktion, die in der Absurdität ihrer Konsequenzen eigentlich nichts ist, als eine Werbefeldzug für den Pazifismus.

Mit dem Erinnern an die Opfer des Faschismus werden die Bombardements gerechtfertigt, mit den Bombardements wird deutsche Geschichte abgewickelt. Deutschland ist jetzt auch mit Kampfflugzeugen auf der Seite der "Guten" angekommen und darf mit sechzigjähriger Verspätung endlich gegen Hitler bomben - wenn auch nur gegen die Balkan-Notausgabe ohne Schnäuzer.

Und das alles im Namen der Opfer. Die Opfer haben Konjunktur, aber lediglich als moralische Verfügungsmasse in ihrer wehrlosen Gesamtheit. Sind sie das nicht, werden andere Töne angeschlagen. Wir erinnern uns da mal an die Pressekonferenz zur Einrichtung des Ausgleichsfonds der deutschen Industrie zur Entschädigung der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Kanzler Schröder beruhigt den Steuerzahler, daß kein Pfennig aus der Staatskasse geflossen sei. Der Industrievertreter wirkt auch zufrieden, nur ist sein Gesichtsausdruck ein wenig verkniffener, denn er mußte zahlen. Der Fond sei eine Lösung, sagt er, denn es könne nicht sein - jetzt sollte man denken, es käme etwas wie: daß die überlebenden Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter noch länger auf die längst fälligen Entschädigungen warten müssen. Aber nein, er sagt, es könne nicht sein, daß die deutsche Industrie diese Sache noch über Generationen mit sich schleppe. Ich bitte, sich hinter jedem dieser Worte ein Ausrufezeichen zu denken.

Hier, auf diesem Friedhof, liegen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, wie sie die deutsche Industrie sich wünscht. Sie stellen keine Forderungen, nerven nicht mit Sammelklagen, ihre Ansprüche auf Entgelt und Entschädigung können als erledigt angesehen werden.

Ihr merkt, während anderswo schon moralisch gebombt wird, greife ich nochmal zur Moralkeule. Vielleicht erinnert Ihr Euch: Diesen Ausdruck hat Martin Walser in seiner Friedenspreisrede für solches besserwisserische Erinnern an die deutschen Verbrechen vor und im Zweiten Weltkrieg, insbesondere den Holocaust, geprägt. Und das dankenswerterweise, denn wenn wir uns erinnern, was in und nach der Walser-Rede zum Beispiel von Rudolf Augstein im "Spiegel" geäußert wurde, können wir nur zu dem Schluß kommen, daß Walser Recht hat. Der Holocaust ist eine "Moralkeule", war immer eine, und es scheint nur die Angst vor dieser Keule gewesen zu sein, die die NS-sozialisierte Generation der Flakhelfer für ein paar Jahrzehnte zu öffentlichem Anstand gezwungen hat.

Jetzt ist die Keule wieder aufgenommen worden und dient dazu, die Volksgemeinschaft zu disziplinieren. Die moralische Dimension ist es, die verhindert, daß bei der Kosovo-Debatte im Bundestag die Replik Joschka Fischers auf Gregor Gysi mit den Worten beginnen konnte "Ich respektiere ihre Haltung", er mußte ihn als "Weißwäscher der Faschisten" attackieren.

Für die Moralkeule, das müssen wir erkennen, gibt es kein linkes Verwendungsmonopol. Und es ergibt keinen Sinn, irgendjemandem vorzuwerfen, er würde das Erinnern instrumentalisieren oder funktionalisieren. Denn wer erinnert, instrumentalisiert. Dem kann man nicht entkommen. Die Frage ist: wofür wird instrumentalisiert? Wofür instrumentalisieren wir? Wofür stehen wir heute, am 8. Mai an dieser Stelle?

Das ehrende Erinnern an die Opfer des Faschismus ist für uns Bekenntnis zur Tradition des antifaschistischen Kampfes. Das ist keine linke Folklore, keine Nostalgieveranstaltung mit anachronistischen Bannern. Denn wir widmen uns nicht den Kämpfen der Vergangenheit, wir versuchen nicht, in jedem neuen Gegner die Züge des alten zu entdecken, dessen Niederlage sich am heutigen Tag jährt. Milosevic ist nicht der neue Hitler, aber wir dürfen auch die Verzierung von Schröder oder Clinton mit Hitler-Bärtchen nicht mit politischer Analyse verwechseln. Wir kritisieren den Kosovo-Krieg aus seiner historischen Situation und die herrschende kapitalistische Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung aus ihren Möglichkeiten heraus. Bei aller Liebe zu den Kampfliedern der 20er Jahre findet unser Kampf gegen vermeintlich humanitäre Angriffskriege und für die sozialistische Idee heute statt. Wir schauen in diesem Kampf nach vorn. Auch für die hier begrabenen Bürger der Sowjetunion, auch für unseren Genossen Walter Krämer. FREUNDSCHAFT!

Björn für die DLL - Deine Lieblingsliste an der Gesamthochschule Siegen

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