Roter 1. Mai 2001 in Siegen - Rede von Rainer Trampert

Ich will einige Themen ansprechen, mit denen sich die Republik in den letzten Wochen beschäftigt hat oder brandaktuell beschäftigt. Am Anfang die Schreckensmeldung, die uns allen in die Glieder gefahren ist: Die Deutschen sterben aus! Damit aber nicht genug. Auch der Wachtelkönig ist gefährdet und "die Sorben bangen um ihren Fortbestand," schrieb die Süddeutsche vor einigen Tagen.

Das mit den Deutschen dürfte eigentlich kein Problem sein. Laut ifo-Institut werden bald "Millionen Migranten in Deutschland leben". Wenn die deutsche Pässe kriegen, hätte man genug. So einfach ist das aber nicht, denn es geht nicht um Menschen, sondern um Deutsche. Da wird es kompliziert. Was ist ein Deutscher? Ich habe Prominente befragt.

Richard Wagner: "Der Deutsche spart. Sittenverderbnis verdrießt ihn tief. Mit Mühe und seltener Willenskraft ringt er sich empor und stirbt bedrückt von schweren Sorgen einsam und vergessen." Ein trostloses Wesen. Kann aussterben. Franz Beckenbauer: "Wir haben etwas im Blut, um das uns die Welt beneidet. Kampf und Willen bis zum Schlußpfiff." Mayer-Vorfelder: "Wir haben nicht die genetischen Voraussetzungen wie Brasilianer oder Afrikaner - wir müssen kämpfen." Kann aussterben, damit mal wieder Fußball gespielt wird, statt Krieg bis zum Schlusspfiff. Für Helmut Kohl zeichnet der Deutsche sich aus durch: "Treue zu Sachen und Personen, Fleiß, Pflicht-Erfüllen und Dienen-Können." Also der freiwillige Untertan, der auch noch Sachen die Treue hält, seinem Auto oder dem Staubsauger. Kann aussterben!

Alles was ich gefunden habe als "typisch deutsch" kann verschwinden. Aber was wäre dann? Dann wären einfach nur Menschen. Das Risiko ist dem Staat aber zu groß. Deutsche? Ja! Ausländische Experten? Ja! Aber nicht einfach nur Menschen. Also werden wir wohl beides bekommen: Experten-Zuwanderung mit Gütesiegel und für den Artenschutz ein staatlich gefördertes Zuchtprogramm.

Aber was ist mit den Sorben. Ich weiß nicht, ob ihr die kennt. Sie kommen in der Lausitz vor und die Süddeutsche schreibt: Jedes Jahr reiten sie bei ihrer Osterprozession von Dorf zu Dorf. Damals in der DDR habe es Probleme gegeben, weil "in der Planwirtschaft kaum Pferde aufzutreiben waren." Jetzt gibt es genug Pferde, aber bald keine Sorben mehr. Die vermehren sich nicht. Man möchte ja helfen. Aber was soll ich tun, wenn die Sorben sich selbst nicht um ihren Bestand kümmern? Ich weiß beim besten Willen nicht, wie ich Sorben züchten soll. Ich weiß nicht mal, was ich bin. Meine Ur-Oma kommt aus Polen. Väterlicherseits: Förster in französischen Wäldern. Mutter: Landarbeiter-Geschlecht an der Nordsee. Was kommt dabei raus: Ein Kommunist oder so etwas, aber kein Sorbe.

Wenn wir schon beim Artenschutz sind, ein paar Sätze zu BSE und Maul- und Klauenseuche. Da hatte man den Schutz für Asyl suchende Menschen aus der Verfassung gestrichen und an der Stelle den Tierschutz eingefügt. Tiere sind nun Mitgeschöpfe, so wie Mitarbeiter und Mitbürger, deren Wohlbefinden unserer Verantwortung obliegt. Und dann das: Jeden Abend im Fernsehen Kettensägen, blutverschmierte Schürzen, brennende Tierkadaver. Der Rückfall zum Tieropfer, um die Götter für Angebot und Nachfrage und Seuchen milde zu stimmen. Und auf dem Berg von totem Fleisch: Renate Künast als Jean d'Arc der Verbraucher. Horst-Eberhard Richter sagt: "Das Opfer wird uns nicht erlösen." Andererseits: Nach vier Wochen schon Platz drei in der Beliebtheitsskala. Das schafft nur eine Erlöserin. Auch Professor Raschke meint: Die Grünen haben wieder gute Chancen, wenn ihnen noch'n paar Seuchen gelingen.

Der Agrarsektor geht baden. Da kommt wie Phönix aus der Asche die New Economy. Die taz hat mit Jan Hülshoff gesprochen. Das ist einer von diesen neuen Helden der Arbeit. Jan war vor einem Jahr noch unglücklich. Heute, in der New Economy, geht es ihm besser, sagt er. Er arbeitet öfter mal 18 Stunden am Tag, verdient deutlich weniger als vorher und die Freundin ist weg. Macht gar nichts, sagt Jan, "denn ich liebe mein Projekt" und "die Abende, da kann man in Ruhe arbeiten."

Dass man die Freundin sausen lässt, wenn man sich in sein Projekt verliebt hat, liegt auf der Hand. Aber wieso arbeiten? Da geht Jan etwas zu hart mit sich ins Gericht. Für ihn ist das keine Arbeit. Jan spielt. Er hat schon als Kind am Computer gesessen und einfach nicht aufgehört zu spielen. Während man sich früher in seinem Alter nicht mehr mit Stabilbau-Kasten oder Laubsäge beschäftigte, spielt er weiter und zwar rund um die Uhr, was er als kleines Kind nur zu Weihnachten durfte. Für Jan ist also immer Weihnachten. Der Kapitalismus ist dabei, alles Denken von Kindesbeinen an zu konfiszieren und in einen kreativen Beitrag zur Reproduktion des Ganzen zu verwandeln. Der Mensch ist sozusagen immer in Betrieb. Die einen arbeiten durch, andere signalisieren in der Freizeit sportiv ihre permanente Leistungsbereitschaft. Auch da gilt: Wird Denken von der Modellierung des eigenen Arsches absorbiert, ist für Solidarität kein Platz.

Das lückenlose Just-in-Time-Prinzip ist zum Tempo des Daseins geworden. Es erschlägt rund um die Uhr das Sanfte, Behutsame, Liebevolle und Langsame. Nur eines haben die Start-Up-Unternehmer nicht verändert: Dieses Wir. Sie sagen immer "wir". Darin gleichen sie so herrlich dem alten Baulöwen, der auch sagt: Wir müssen den Auftrag noch erledigen, wenn er seine Leute meint, und der sagt: Wir müssen Geld verdienen, wenn er sich meint.

Hin und wieder, sagt Jan Hülshoff, möchte er schon "mal wissen, wie sich Feierabend anfühlt". Wie fühlt sich Feierabend an? Wie die große unendliche Leere und wie Versagen. Deshalb lacht Jan über die Proleten von gestern, die immer nur Feierabend, Wochenende und kürzere Arbeitszeiten haben wollten, und er ist weit entfernt von dem Gedanken, dass er ein Prolet ist, der nur um viele Stunden länger ausgebeutet wird und dazu mit Aktien bezahlt wird, die ihren Wert noch schneller verlieren als er seinen Wert als soziales Wesen verloren hat.

Ansonsten ist das Konzept mit den Volksaktien aufgegangen. Die T-Aktie hat in einem Jahr 250 Mrd Spargelder beseitigt. Das war wichtig für die wirtschaftliche Stabilität. Wäre diese Summe in den Konsum gelangt, hätte sie eine galoppierende Inflation ausgelöst. Andere haben auf den Nemax gesetzt, um ihr Geld aus dem Verkehr zu ziehen. Wilhelm K. aus Wuppertal sagt: "Ich habe 80.000 Mark verloren, die für die Ausbildung meiner Tochter bestimmt waren." Ja! Wir müssen alle Opfer bringen und warum nicht mit der eigenen Tochter anfangen? Wäre ja nicht neu.

Und während die Republik gebannt auf den Dax blickte, wurde sie heimgesucht von dem, was die Deutschen am besten können: Vergangenheit bewältigen. Da waren noch Reste von Kritik und Anspruch an das Leben entdeckt worden, die es zu beseitigen galt. Deshalb mussten die 68er im Schnellverfahren erledigt werden. Alte Fotos zeigen, dass Fischer einen Polizisten verprügelt hatte, was die ja nur dürfen.

Auch bei der ersten Vergangenheitsbewältigung waren Fotos aufgetaucht, die spätere Bundeskanzler, Präsidenten und Industrielle in Offiziers- und SS-Uniformen zeigten als sie so alt waren wie Fischer auf dem Foto. Sie hatten geschossen, Juden zusammen getrieben und mit der verbrannten Erde fürs Massensterben in der Sowjet-Union gesorgt. Ihnen halfen die Fotos damals, weil die Mehrheit in der BRD nun sah: Das sind welche von uns. Mit denen können wir unbesorgt Demokratie machen.

Die mussten sich nicht entschuldigen. Nur wer einmal in seinem Leben Freiheit schnuppern wollte, muss sich fünf mal am Tag entschuldigen. Jedenfalls, wenn er etwas werden will. Das ist noch nicht genug, sagte Guido Westerwelle, der völlig aus dem Ruder lief. Das müssen wir verstehen. Er hat als Kind seinen Haferschleim immer artig runter gewürgt und trug schon im Kinderwagen Anzug und Krawatte. Er kann den Gedanken nicht ertragen, dass Menschen, die Freiheit wollten, nicht lebenslänglich kriegen, sondern das Außenamt.

Dann kam was kommen musste. Der uferlose Kotau der Renegaten. Die Selbstbezichtigung mit der Formel von der Gewalt. Fischer will damals "gemerkt" haben, dass "wir genau das aufnahmen, was wir der Elterngeneration vorgeworfen haben," nämlich Nazis zu sein. Thomas Schmid setzte seine rebellische Jugend gleich "mit den Verbrechen der Väter in der NSDAP". "Die Zeit" ließ ihren Klaus Hartung erst mal sagen, dass er als Kronzeuge etwas taugt: "Ich gehörte zum Berliner SDS und machte später in der Roten Hilfe mit." Heute ist er wütend über "den Mythos von der schönen Revolte". Es habe vielmehr eine "fatale Korrespondenz" gegeben "zwischen dem revolutionären Gewalttraum jener Zeit und der faschistischen Bewegung der 30er Jahre."

Wenn links gleich rechts und Gewalt gleich Gewalt sein soll, wenn der Kampf gegen Herrschaft dasselbe sein soll wie Völkermord und Krieg der Nazis oder - aktuell - die Erschlagung von Obdachlosen und anders Aussehenden, dann ist das ein intellektuelles Verbrechen! Warum machen die jämmerlichen Kronzeugen den Nationalsozialismus so harmlos und benutzen andererseits schamlos Auschwitz, wenn sie Krieg machen wollen? Der Grund ist: Heue schreiben sie deutsche Hegemonialgeschichte, zu der kein Befreiungsgedanke passt. Deshalb soll die Idee der sozialen Befreiung zum Relikt eines falschen Menschheitsbildes aus vergangenen Epochen verkommen, soll quasi als naturwidrig erscheinen.

Die Bevölkerung hält zum Außenminister wie zum heimgekehrten Sohn, aber nicht zu den Grünen. Es hagelt Wahlniederlagen. Warum? Viele junge Menschen finden die Grünen noch immer nicht börsenreif. Das ist ungerecht. Andere hat überrascht, dass zum Regieren in einem Wirtschaftsimperium auch Krieg gehört. Sie blieben verstört weg. - Professor Raschke sagt: Der wahre Grund ist Jürgen Trittin. Der arme Kerl muss jetzt Minister bleiben, weil die Grünen und Raschke künftige Wahlniederlagen sonst nicht erklären könnten.

Trittin hat immerhin einen Atom-Konsens vorgelegt, bei dem nun alle rätseln, ob wenigstens ein Werk solange durchhält, dass es sein Ausstiegs-Datum noch erlebt. Als ein Journalist von ihm wissen wollte, ob jetzt wenigstens ein Werk abgeschaltet wird, antwortete er: "Ich sage, wenn man zwei Kraftwerke ein halbes Jahr früher stilllegt, 17 weitere aber drei Jahre länger laufen, dann ist dieser Preis die Symbolik nicht wert." Seine Dialektik war so tiefgründig, dass keiner mehr zu fragen wagte, warum denn 17 Anlagen drei Jahre länger laufen, wenn man zwei Anlagen ein halbes Jahr früher stilllegt. Nur Rudolf Scharping hatte sofort begriffen. Er würde in künftigen Kriegen keine Hufeisenpläne mehr erfinden müssen, sondern einfach sagen: Wenn man einen Krieg ein halbes Jahr früher beendet, dann laufen 17 andere Kriege drei Jahre länger und wer will das schon.

Seit diesem Wochenende kriegen die Grünen nun Druck von der PDS. Nach dem neuen PDS-Papier sind Privateigentum und Gewinnstreben Grundlagen für einen Sozialismus in freier Selbstbestimmung. Nach dieser neuen Erkenntnis steuerten Banken und Energiekonzerne also geradewegs auf den Sozialismus zu, während Daimler-Chef Schrempp und Ron Sommer von der Telecom mit ihren hohen Verlusten zeigen, dass sie noch ideologische Defizite haben. Noch ein Tip für junge Menschen von der PDS: Wenn ihr ganz viel lernen wollt über freie Selbstbestimmung und Sozialismus dann studiert Betriebswirtschaft.

Nicht nur Trittin, auch Rudolf Scharping hat es schwer. Viele werfen ihm vor, ihm fehle eine schlüssige Antwort auf die Rätselfrage: Wenn 31.000 Uran verseuchte Bomben auf Jugoslawien geworfen werden, wie groß ist dann die Gefahr, dass deutsche Soldaten krank werden? Dann die Kritik von Journalisten, die sagten: Krieg ja! Aber ohne Propaganda-Lügen! Krieg ohne Kriegspropaganda, das mag es in der Barbarei mal gegeben haben. Wir befinden uns aber in der Epoche der Zivilisation.

Darum konnte Scharping sich aber nicht kümmern. Er muss sich beeilen. Märkte und Rohstoffbasen wollen gesichert sein, Versorgungsstrecken befriedet und dysfunktionale Staaten aus dem Weg geräumt werden. Und Bush hat deutlich gemacht: Es könnte sein, dass die USA so etwas mal nur für sich, für ihre Interessen, machen könnten. Ein Imperialismus, der nicht souverän Krieg führen kann, ist nur ein halber.

Deshalb soll die europäische Eingreiftruppe in zwei Jahren stehen und Deutschland will mehr Einfluss haben. Deshalb wird die Armee modernisiert. Deshalb sind die Rüstungsexporte so hoch wie nie und deshalb wurde jetzt Entwicklungshilfe um das Kaspische Meer herum verteilt. Wir werden wohl bald viele neue Ethnien kennenlernen müssen. Die einen, um sie mit unserer Menschlichkeit zu beglücken, die anderen, weil sie im Weg sind und weggeräumt werden sollen.

Je mehr die Welt aus geostrategischen Gründen in Ethnien zerlegt wird, desto bedeutender wird die eigene, die deutsche Ethnie. Teile und herrsche. Deshalb haben wir nach den Anschlägen auf Menschen und Synagogen, mit über 100 Mordopfern in 10 Jahren, wieder eine deutsche Leitkultur. Deutsche sind jetzt per Definition Inhaber einer Leitkultur und dürfen sich als Richter über andere aufspielen. Damit wird drinnen und draußen im Lande noch weiter ethno-rassistisch getrennt.

Geht es dabei um Integration, wie behauptet wird? Werden die Gelder für deutsche Minderheiten in Kirgisien oder sonstwo ausgegeben, damit die kirgisische Sprachkurse belegen? Natürlich nicht. Die Mittel für deutsche Minderheiten im Ausland gibt es offiziell nur für die Erhaltung deutscher Identität in Sprache und Kultur und für die Pflege deutscher Tradition. Deutsche Minderheiten werden also gefördert für ihre Desintegration. Dass es in Deutschland umgekehrt zugeht, dass hier alle deutsche Mentalität üben sollen, ist kein Widerspruch. Leitkultur meint auch Leitkultur, überall auf der Welt.

Die Leitkultur mündete dann auch konsequent in einen Wettbewerb, wer am stolzesten darauf ist, Deutscher zu sein. Ich will euch die Gruppen vorstellen, die im Rennen sind. Eine übernimmt einfach nur kommentarlos die NPD-Propaganda. CDU-Meyer gehört dazu oder Metzger von den Grünen: "Ich bin ein bekennender Deutscher." Aus! Der SPD-Abgeordnete Wilhelm Schmidt: "Auch wir sind stolz darauf, Deutsche zu sein, und fordern alle Deutschen auf, stolz (auf Deutschland) zu sein." Der kann gar nicht mehr aufhören. DFB-Präsident Mayer-Vorfelder ist im letzten "Stern" stolz darauf, ein Deutscher zu sein, fügt aber schnell hinzu: "Das heißt aber nicht, dass ich zuschlage." Er nicht. Er weiß aber - wie die anderen auch-, dass Nationalstolz etwas mit schlagen und morden zu tun hat.

Andere Gruppen erläutern den Stolz. Da sind die Mystiker, die sich auf ein naturhaftes, völkisches Schicksal berufen. CDU-Mertz ist stolz, weil "Heimat, Vaterland und Nation" eine "natürliche und positive Kraft" sind. Theo Waigel sieht in der "Nation eine Schicksalsgemeinschaft". Martin Walser: "Der Stolz auf die Nation ist die nach Menschenmaß wichtigste, entscheidende Bindungswirkung." Zu dieser Gruppe zählt auch die NSDAP, die ja ebenso im Völkischen die wichtigste und naturhafte Bestimmung des Menschen sah.

Guido Westerwelle hat es satt, dass die Deutschen sich "mit schlechtem Gewissen, gebeugtem Haupt und gebücktem Gang bewegen, nur weil sie Deutsche sind." Wenn Deutsche als Opfer durch die Landschaft winseln, kann das für andere lebensgefährlich werden, denn der Opferwahn schreit nach Entladung. Aber auch deutsch Definierte müssen aufpassen. Wenn's ihnen an den Kragen geht, gibt man auch ihnen gern mehr Stolz als Ersatz für Entbehrungen.

Dann haben wir die Gruppe, die ihren Stolz sachlich begründet. CDU-Böhr in der Pfalz ist stolz, "wegen der Siege der Fußball-Nationalmannschaft." Er verlor die Wahl. Heute schimpft man über das Gegurke und macht dafür gerade den mangelnden Nationalstolz der Millionäre verantwortlich. Er war schlecht beraten. Kerstin Müller ist "stolz", denn "ich bin stolz, dass die deutsche Außenpolitik heute Friedenspolitik ist." Ein gefährliches Argument, denn wenn Grüne heute anderen den Frieden erklären, suchen die ihre Luftschutz-Keller auf.

Dann gibt es welche, die mit semantischer Raffinesse von der NPD wegkommen wollen. Sie sind deutsche Patrioten, und stolz auf das Land. Laut Duden leiden Patrioten unter "übertriebener Vaterlandsliebe". Sie sind also Nationalisten. Zu diesen Nationalisten zählen Kanzler Schröder, Walter Jens, Johannes Rau. Der ist "stolz darauf, was wir in Deutschland aufgebaut haben".

Da kommen Millionen Menschen aus Italien, Griechenland, Spanien, Portugal, Türkei, Jugoslawien, Polen und von woanders nicht mehr vor. Von diesen Leuten haben einige mit den anständigen Deutschen ihre eigene Moral gefeiert, um dann die Menschen, für die sie vorgaben, zu demonstrieren, noch heftiger mit ihrem Nationalstolz zu traktieren und auszugrenzen als vorher.

Dann gibt es die Gruppe, die ihren Stolz mit Frohsinn anreichert, wie bei der Volksmusik. Der Philologe Burchart empfahl die Redewendung: "Schön ist es, in Deutschland zu sein." Eine Verhöhnung der Opfer und deren Gräber, die aber sofort Anhänger fand. Die PDS-Vorsitzende sang laut und schlecht: "Deutschland ist schön. Ich liebe Deutschland." Ute Vogt von der SPD sang: "Ich freue mich, dass ich in Deutschland geboren bin". Manche sind über noch weniger froh, schon darüber, dass sie überhaupt geboren wurden.

Halten wir fest: Trittin's Bemerkung, CDU-Meyer denkt wie ein Skinhead, war insofern infam, als sie dem Meyer etwas anhängt, was für alle gilt, die ich erwähnt habe. Damit kein Missverständnis aufkommt. Deutsche schätzen fremde Kulturen. Seit Schliemanns Zeiten sind sie dabei, wenn es irgendwo auf der Welt etwas auszugraben gibt. Sie lieben fremde Kulturen fast abgöttisch. Nur leben dürfen sie nicht. Tot müssen sie sein, in Stein gemeißelt oder als Fresko. Meistens liegt der Volksmund mit seinen Sprüchen daneben, aber einer kann durchgehen: "Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz." Bezogen auf den Nationalismus und die deutsche Geschichte muss man abwandeln: "Mord und Stolz wachsen auf einem Holz."

Dabei haben die Deutschen aber viel Spaß, zuviel, hat Freizeitforscher Opaschowski herausgefunden. Er schlägt Alarm: "Schafft die Spaßgesellschaft ab!" Mehr als die Hälfte aller Deutschen "denkt nur ans eigene Vergnügen statt ans Allgemeinwohl." Bei jungen Leuten "sind Jenny Elvers und Szlatko wirksamere Vorbilder als Mutter Theresa." Das ist nicht schön. Theresa gehört dazu. Sie passt in eine Zeit, in der Arbeitslose in den sozialen Arbeitsdienst müssen. Da braucht man als Vorbild wieder die demütige und beflissene Armut, neben der Illusion, 'mal den Jackpot zu knacken.

Was wäre der 1. Mai ohne die pünktliche Beschimpfung der Arbeitslosen. An einem Tag haben die Zeitungen zwei Meldungen verbreitet: "Große Koalition gegen Faulenzer" und "Armut hat rapide zugenommen". Was macht ein Kanzler, der weiß, dass seine Politik die Armut genauso schnell wachsen lässt wie die großen Vermögen? Er verbreitet die Lüge von der Faulheit, also der selbstverschuldeten Armut. Die CDU ist eingestiegen in den Wettbewerb um die Gunst der Fleißigen. Arme sollen öffentlich markiert werden mit Brotmarken, weil die CDU eben zurück will zur "sozialen Marktwirtschaft" von Weimar. Hier schließt sich der Kreis. Nationalstolz wird immer wichtiger als Ersatz fürs Essen. Stolz haben sie genug im Angebot. Er kostet nichts.

Arbeitslosigkeit ist für den Kapitalismus ein Problem. Er mag keine Lohnnebenkosten, also: Arbeitslose, Rentner und Kranke, weil die nur Werte verbrauchen, ohne selber Mehrwert für ihn zu schaffen. Der Wert, der diesen Schichten abgenommen wird, kann in Kapital verwandelt werden für neue Techniken, die Eroberung Chinas, für Kriege, Rohstoffe, den Kauf von Staaten oder Konkurrenten.

Die Wahrheit ist: Der frühe Tod der überschüssigen Menschen würde die Lohnnebenkosten am nachhaltigsten senken. Jungen Menschen wird die Generationen-Ungerechtigkeit eingebleut. Auch hier gebietet die Logik: Je früher die Alten sterben, desto mehr würde man sich der Gerechtigkeit annähern. Auf diese Weise werden junge Menschen zu ihrer eigenen Almosengesellschaft hingelockt. Fehlt ihnen das Geld für die private Versicherung oder geht sie flöten durch Krieg, Inflation, Finanzcrash, dann werden sie auf Generationen treffen, die den Solidargedanken einfach nur absurd finden.

Viele Menschen sind gelähmt, weil sie dachten, dass Marktwirtschaft sozial ist. Die stellt sich nun heraus als das was sie ist. Als Übertragung der darwinistischen Naturordnung auf die menschliche Gesellschaft. Der Markt vernichtet alles, was durch Schwäche gezeichnet ist. Er kennt nur eine Wahrheit: Sieg des Starken und Ruin des Schwachen. Nicht konkurrenzfähig, unproduktiv, ausmerzen. Konkurrenten werden ruiniert und wie in der Natur frißt der Sieger die tauglichen Reste des Kadavers: Kunden, Maschinen, Fachpersonal. Das setzt sich von oben nach unten fort. Unten heißt das Mobbing. Wer ja sagt zur Marktwirtschaft, sagt ja zum Prinzip: wertes und unwertes Leben.

Das Prinzip wird durch soziale Kämpfe und ihre Sozialgesetze abgefedert. Wird dem Kapitalismus aber - wie jetzt - nichts mehr abgerungen, funktioniert er unabgefedert. Dann kassiert er alles ein, was frühere Generationen mal mühsam erkämpft haben, gleichgültig wer regiert. Viele wundern sich, dass es mit Rot-Grün nur Gesetze gibt, die Unterschichten beklauen, während es unter Adenauer viele soziale Reformen gab, die ihren Namen noch verdienten. Der war ein reaktionärer Sack, aber er hatte den sozialistischen Versuch nebenan und er hatte Bewegungen gegen den Atomtod, gegen die Wiederbewaffnung, den langen Steik der Metaller für die Lohnfortzahlung zu befrieden. Dafür müssen Preise gezahlt werden. Gibt es keine Abtrünnigen mehr, entfällt der Preis für ihre Befriedung. Das ist das Geheimnis der Reformen.

Damit die Leute das nicht begreifen, sprießen unzählige Schicksale aus dem Boden. Die Wirtschaft wächst jedes Jahr. Es wäre also mehr zu verteilen. Aber alle sagen: Es gibt heute nichts mehr zu verteilen. Schicksal. Das Ausland kauft mit Begeisterung Waren, die in Deutschland hergestellt werden, weil hier die Lohnkosten zu hoch sind. Schicksal.

Damit jene Schicksalsgemeinschaft heranwächst, die sich willfährig opfert, gibt es dazu jede Menge imaginärer Bedrohungen. Der Standort, der früher einmal Vaterland hieß, ist bedroht durch ein vagabundierendes, raffendes Finanztum, das ans Judentum erinnert, durch einen Shareholder Value, der das Böse von außen kommen lässt und deutsche Traditionen immer schöner macht, und durch den "angelsächsischen Kapitalismus," der den Hauptkonkurrenten zum Feind erklärt.

Auf Arbeitslosen wird herumgehackt, weil man zurück will zum offenen Sozialdarwinismus. Aber auch, weil die Beleidigung der Arbeitslosen die Beschäftigten fleißig macht. Der Leiter des Dortmunder Arbeitsamtes sagt: "Mit Arbeitsunwilligen haben wir gar kein Problem." Schröders Initiative sei aber hilfreich, denn: "Wir bekommen im Zuge einer solchen Debatte" viel mehr "Hinweise auf Schwarzarbeit." Das Denunziantentum klappt also besser.

Woher kommt der Hass auf Arbeitslose? Der nährt sich aus dem Verdacht, dass Arbeitslose Zeit zum Leben haben könnten. Die Arbeitsgesellschaft erträgt keinen fröhlichen Arbeitslosen. Ein Arbeitsloser, der sagen würde: Ich verbringe den Tag lang mit lesen, spielen, lieben, malen, philosophieren und Muße, läuft Gefahr, gelyncht zu werden. Arbeitslose müssen schon zu ihrem eigenen Schutz jammern. Wenn jemand, der das ganze Jahr über arbeitet und als Ausgleich dafür drei Wochen in Tunesien, in der Türkei oder sonstwo den Kolonialisten spielen darf, dort auf einen fröhlichen Arbeitslosen trifft, bricht für ihn eine Welt zusammen.

Die Leute sollen auf beleidigte und hungernde Arbeitslose blicken, damit sie sich sagen: Da möchte ich nie landen. Deshalb bin ich lieber fleißig und unterwerfe mich allen Befehlen. Die Demütigung der Arbeitslosen ist ein gesellschaftliches Erziehungsmodell zum Kretinismus. Viele Menschen begreifen nicht, dass es ihnen ja nicht gut gehen soll. Einsatz- und Opferbereitschaft werden darüber hergestellt, dass es anderen schlechter geht. Dafür steht der Begriff: Abstandsgebot oder die Behandlung von Flüchtlingen.

Die eigene Unterwerfung wendet sich gegen Arbeitslose und gegen freie Zeit. Der Volksmund schimpft wie ein Rohrspatz über freie Zeit. Zeit wird vertrieben. Zeit wird totgeschlagen. Allerorten klagen Menschen darüber, dass sie einmal auch nur eine einzige Minute Zeit für sich haben möchten. Das ist die triumphale Geste, mit der ein Gegenüber der freien Zeit verdächtigt wird.

Mit "Müßiggang ist aller Laster Anfang" feiert der Volksmund seine eigene Versklavung. Für Arbeitslose gilt: Es ist ein Akt der Emanzipation, über das fehlende Geld zu klagen, aber nicht über die freie Zeit.

Freie Zeit wird bisweilen auch gefürchtet, weil sie den Blick auf das eigene Elend freigibt. Die Menschen bekommen dann eine Ahnung von ihrer Verkümmerung in diesen Verhältnissen. Besser: Verdinglichung. Damit ist gemeint die Reduktion des lebendigen Anteils im Menschen, bei gleichzeitigem Anwachsen seines Kapital gerechten Funktionierens, also des toten Anteils in ihm.

Weil der Mensch nur als funktionstüchtiger, also toter Apparat, Wert hat, werden Leidenschaften unter Strafe gestellt. Der "wütende Abgang" ist laut Landesarbeitsgericht Frankfurt ein Grund zur fristlosen Kündigung. Dazu zählen laut Urteil Menschen, die "Büroschlüssel hinwerfen" oder mit "Türen knallen und mit anderen markanten Verhaltensweisen nach einem Streit das Büro verlassen." Wenn der Chef mit der Tür knallt, wird er nicht rausgeworfen. Das kommt von der Klassengesellschaft, die es trotz des postmodernen Geschwafels noch gibt.

Diese Verdinglichung hat viel mit dem Hass auf Menschen zu tun, die anders aussehen und in denen noch Leben vermutet wird. Die werden erschlagen, weil die Täter sie sich so tot wünschen, wie sie es selber schon sind. Alles was Rassisten anderen andichten, klingt nach Leben. Ob Juden ohne Arbeit reich geworden sein sollen, ob einem Roma der Hauch des Abenteuers, einem Schwarzen allerlei Triebhaftes und allen immer wieder Leidenschaft angehängt wird, alles sind Wahnprojektionen, die nicht die anderen, sondern nur die Phantasierenden selbst charakterisieren. Deshalb würde jede Widerlegung der phantasierten Eigenschaften dem Wahnsinn noch einen Anstrich von Vernunft geben.

In diesen Verhältnissen wird es den Hass auf nicht mehr gelebte Leidenschaften immer geben. Weil Rassismus also immer wieder neu entsteht, kann er nur diszipliniert, verboten und riskant gemacht werden oder er wird sich austoben.

Es liegt auf der Hand, das der Stolz auf die eigene Nation sich zusätzlich gegen die wendet, die nicht dazu gehören sollen. Daraus folgt: Wer soziale Befreiung denkt, muss Nationalismus und Rassismus bekämpfen und aus den Köpfen verbannen. Rassistisch und nationalistisch verseuchte Köpfe sind zu nichts fähig, außer zur Verrohung der Gesellschaft und zur eigenen Unterwerfung. Dabei ist es um die soziale Frage immer geschehen.

Entscheidend ist, ob Menschen das was mit ihnen geschieht, als Kapitalismus und deutschen Machtanspruch begreifen, oder weiter als Schicksal hinnehmen. Wer vom Schicksal eingefangen worden ist, büßt seine Kritikfähigkeit und die Vision von einer besseren Gesellschaft ein und ist den Strafandrohungen für abweichendes Verhalten, ob Isolation oder Versorgungsentzug, hilfloser ausgeliefert.

Gleichgültig wie kaputt das Bewusstsein ist, das System verdient Revolution. Nicht wegen der fehlenden Arbeitsplätze, sondern weil es die vielen Fähigkeiten und Bedürfnisse der Menschen - ihre Wünsche, Ideen, Lust, Kunst, Sensibilität, Musik, Spiel, Liebe, Sehnsucht nach Freiheit - tagtäglich ausmerzt, um an die Stelle aller Möglichkeiten den Garaus zu setzen: arbeiten und kaufen oder sogar das Opfer um der Nation willen. Und weil das keinen Spaß macht, sollte man Angst haben vor einem erfolgreichen, arbeitsamen Leben. Wer sich nicht davor fürchtet, auf den Status eines mechanischen Experten zu verkommen, ist verloren.

Ich weiß, dass man Geld braucht. Worauf ich hinaus will: Viele Linke von gestern, die aufgehört haben und heute das Gegenteil verkünden, hat nicht nur Propaganda und falsche Ideologie dahin gerafft. Vieles hat nur die allmähliche Einfügung in die praktische Gesellschaft geleistet. Die Einfügung fällt zwar zusammen mit dem Zwang, sich in diesen Verhältnissen reproduzieren zu müssen, aber nicht notwendig mit dem Zwang, dabei blöde werden zu müssen. Das ist doch eine frohe Botschaft zum Schluss. Also: Lasst euch nicht klein kriegen!

VerweisArchiv


[Home] [Schmuddelkind] [Texte] [Termine] [Links] [Mail]