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Nr. 5 · 4. Februar 1999

Inhalt

Editorial
Wahlnachlese
Gute Wünsche...
Die Nibelungen

Die Zeiten für Linke sind hart. Aber kann das ein Grund sein, Überzeugungen aufzugeben und politische Aktivität einzustellen? Linkssein bedeutet die unbedingte Parteilichkeit für die erniedrigten, gedemütigten, ausgebeuteten Menschen, unabhängig von ihrer ethnischen Zugehörigkeit, ihrem kulturellen Hintergrund, ihrem Geschlecht oder ihrer sexuellen Orientierung. Jutta Ditfurth: Feuer in die Herzen. Hamburg 1992, 301.

Vielen Dank

an alle Wählerinnen und Wähler, die uns bei der Wahl zum Studierendenparlament ihre Stimme gaben. Dass diese Stimme nichts gebracht hätte, lässt sich nicht behaupten. Die rechte Mehrheit konnte zwar nicht gebrochen werden. DLL, ULA und UL-AES verfügen aber mit einem guten Drittel der StuPa-Sitze über die notwendige Sperrminorität, um Satzungsänderungen oder unangemessene Veränderungen des Beitragssatzes (Semesterticket 1. Klasse Lufthansa bis sonstwohin für schlappe 300,- DM) verhindern zu können.

Ansonsten kann nur gelten: Kopf hoch. Das war ja nicht die letzte Wahl an dieser Hochschule.

Eine Wahlnachlese

soll euch nicht vorenthalten werden. Der Wahlkampf ist vorüber, und Populismus zwecks Maximierung der Stimmenzahl ist nicht der Grund, dass wir uns an dieser Stelle mit einigen Phänomenen auseinandersetzen. Und das tut ziemlich Not.

Die linken Zecken

Aber die Sprache des Dritten Reichs scheint in manchen charakteristischen Ausdrücken überleben zu sollen [...]. Victor Klemperer: LTI (Lingua Tertii Imperii). Leipzig 141996, 20.

Linke Zecken aus dem StuPa heraushalten wollte Michael Zavadil, Listenkandidat aus dem FB 2 für "Abakus". Nichts gegen Leute, die "schmarotzerische, größere Milbe[n] mit flachem, lederartig zähem Körper" (Bünting, Dt. Wörterbuch) vom Studierendenparlament fernhalten wollen. Anzunehmen ist aber, dass weniger die possierlichen Tierchen, eher die zweibeinigen schmarotzerischen Wesen gemeint waren. Herr Zavadil befindet sich mit dieser Wortwahl in bester Gesellschaft mit jenen, die mit knapp bemessener Haarpracht und noch knapper bemessener Gehirnmasse "Untermenschen" verbal und tätlich angreifen. Ob er in jene braune Gesellschaft auch hinein gehört, möchten wir an dieser Stelle nicht beurteilen.

Fest steht aber schon jetzt, dass die Stimmenzahl für den "Abakus"-Kandidaten nicht ausgereicht hat, um den heroischen Kampf nun aus der Mitte des StuPa heraus zu führen. Weil er das Wahlverfahren nicht verstand (oder aber, weil er auf Kameraden im Geiste vertraute), gab er sich wohl selbst im Mensa-Foyer nur eine Stimme statt der möglichen fünf. Ein einziger Volksgenosse rang sich in der Paul-Bonatz-Straße ein weiteres Votum für den tapferen Vorkämpfer für ein sauberes StuPa ab, so dass er mit 2 Stimmen auf Listenplatz 22 von 22 kam. Noch hinter Natalie (Platz 13) und Nina (8) von derselben Liste. Die beiden waren angetreten, weil sie sich für Politik überhaupt nicht interessieren und daher im StuPa eure Interessen vertreten wollen. Yo, noch Fragen?

Trotz alledem (oder wegen alledem) konnte "Abakus" mit drei Sitzen ins StuPa einziehen. Die werden wahrgenommen von Andreas Stark (ob er auch diesmal gleich zurücktritt?), Andreas Keune (dem Kompetenten oder so aus dem Sozialreferat) und Verbindungsbruder Thorsten "Joker" Bartels, der sich ein spärliches Paradies (Sparadies) wünscht.

Mit zwei Fouls

geht die LHG aus der Wahlkampfwertung. Sie hatte zur "SchmuDLL"-Party ins AStA-Café geladen. Mit der Einladung verband sie die Bitte, abgetragene Klamotten, möglichst ungewaschen, mitzubringen, auf dass diese den Bedürftigen von der DLL gespendet werden könnten, widrigenfalls einer karitativen Organisation.

Nun ist es uns relativ egal, ob die Wohlstandsbälger mit den vorgeblich so liberalen Ansichten den politischen Gegner durch den Dreck ihrer ungewaschenen Markenklamotten ziehen. Wenn's ihnen den dringend benötigten Kick gibt, um der Tristesse gegenwärtiger Existenz und karriereverseuchter Zukunft kurzfristig zu entfliehen - bitte.

Was wir weniger lustig finden, ist, Schindluder mit der Not Obdach-, Arbeits-, Kleider- oder Nahrungsloser zu treiben. Aus den LHG-Zeilen triefen Hohn und Spott gegen alle, die auf die DRK-Kleiderkammer angewiesen sind. Zum Mitschreiben: In dieser Gesellschaft gibt es noch andere Probleme als die Auswahl der richtigen Handy-Marke, die Suche nach dem geeigneten Bungalow für den Ruhestand oder Schwierigkeiten mit der eigenen Körpergröße. Diese Probleme sind von euresgleichen hausgemacht, denn sie resultieren aus dem Primat wirtschaftlicher Narrenfreiheit vor der Sicherung menschenwürdiger Existenz. - 1. gelbe Karte für die LHG.

Die zweite folgt sogleich. Von Hinz und Kunz bewährt layoutet, führten gleich zwei verteilte Zettel die Mensa-BesucherInnen in die Irre. Von einer Freibieraktion in der Mensa, veranstaltet von Bosch-Brauerei und LHG "mit freundlicher Unterstützung des Studentenwerks", war dort die Rede.

Auf Nachfrage eines Kollegen von der Juso-Hochschulgruppe gab das Studiwerk die Auskunft, es handele sich um einen Werbe-Event seitens der Brauerei, organisiert von der LHG. Von Flugblättern, in denen die Gruppe mit der Unterstützung des Studentenwerks werbe, wisse man nichts, wolle aber auch nichts weiter veranlassen.

Das war uns dann doch zu bunt. Wir boten dem Geschäftsführer des Studentenwerks an, sich entweder mit dem Verwaltungsgericht Arnsberg über die Frage der Parteinahme einer Anstalt des öffentlichen Rechts im StuPa-Wahlkampf zu unterhalten oder aber allen Listen zu denselben Konditionen einen Freibierstand zu ermöglichen. Detlef Rujanski, Studiwerks-Häuptling, sagte darauf hin den LHG-Event ab; sehr zum Unwillen des Geschäftsordnungs-Müllers, wie wir vernehmen mussten.

Versuch einer Ehrenrettung für das Studierendenwerk: Angeblich habe man nicht gewusst, dass es sich um eine politische oder LHG-Werbeveranstaltung handeln sollte. Entweder ist man in der Geschäftsführung blind oder naiv. - 2. gelbe Karte trotzdem an die LHG für den Versuch, das Studierendenwerk in den Wahlkampf einzuspannen. Das gibt gelb-rot statt gelb-blau.

Trotz dieser Karte (oder vielleicht gerade weil die LHG-Taktik verfangen hat?) müssen wir uns nun mit Guido Müller, Antja Friedrich, Ralf Englisch, Silke Kölsch, Carsten Wehn, Martin Panthöfer und Iva Andjelic im StuPa herumschlagen. Wobei wir Guido wohl für den Gelebte-Demokratie-Preis 1999 vorschlagen werden. Aufgrund seiner ungezählten Geschäftsordnungsanträge im letzten StuPa wurde die Diskussion nämlich immer dann ganz demokratisch abgebrochen, wenn es für die Mehrheitsfraktionen brisant wurde.

Der RCDS,

die Spielwiese des Unions-Nachwuchses an der Hochschule, hielt sich dafür im Wahlkampf angenehm zurück. Wobei wir trotzdem zwei Fragen hätten: Warum habt ihr die Unterschriftenaktion gegen Studiengebühren nicht veranstaltet, als euer Rüttgers noch Bundesbildungsminister war? An dessen Einsatz für die Verankerung eines Gebührenverbots im Hochschulrahmengesetz kann's ja kaum liegen.

Und, wo wir schon beim Unterschriftensammeln sind: Wo blieb denn der deutliche Einsatz gegen die Anti-Doppelpass-Hetze eurer ParteifreundInnen? Der Auftritt von Sancho im WDR-Lokalfernsehen war da ein bisschen schwach.

Noch eine Anmerkung: Bei eurem Einsatz für die AutofahrerInnen am Haardter Berg habt ihr euch gegen Geschwindigkeitskontrollen auf den Zufahrtsstraßen ausgesprochen. Euer gutes Recht. Wir meinen aber, dass das Leben von GrundschülerInnen an der Glückaufstraße mehr wert ist als der verpatzte Auftritt, wenn Karrierestudi zu spät in die Vorlesung kommt. Aber das können wir folgenden Gewählten auch direkt im StuPa erzählen: Sancho Kleine, Falk Hülkenberg, Stephanie Greve, Dennis Uhlig, Internet-Spezialist Jürgen Kellermann, Torsten Köck, Carina Voigt, Christian Rosseaux und Jens "Fuzzy" Frommberger.

ABS und Juso-Hochschulgruppe

haben zwar nicht unbedingt einen inhaltlich tiefgehenden Wahlkampf gemacht. In der Frage der Autonomen Referate stehen möglicherweise noch Diskussionen mit den Jusos ins Haus. Wir sind gespannt darauf, diese zu führen mit Britta Grundlach, Sebastian Stroh und Christian Busche. Mit Sabine Vierbücher (ABS) werden die Diskussionen sicher auch lustiger als mit der neuen alten AStA-Koalition.

DLL & Schwestern

sind, wie erwähnt, trotz Anti-Zecken-Kampagne wieder ins StuPa eingezogen. Zwar nicht mit einem umwerfenden Wahlergebnis, aber vielleicht mit einem realistischen. Ins Getümmel stürzen sich für euch: Christoph "BoM" Meibom, Emrah Ermete, Marc Neumann, Anke Manderbach, Jana Mikota (alle DLL), ferner Harald Kernbach (ULA). Ein dickes Lob an die UL-AES und Primarstufe, die ihr Wahlergebnis im Vergleich zum Vorjahr dick ausbauen konnte, und mit ihr an die StuPa-GladiatorInnen Axel Backhaus (das war wirklich ordentlich!), Marc Henn (dito!), Anja Werner, Martin Zickel und Andreas "Ödi" Oed.

Fazit

Tja, enttäuscht sind wir etwas. Wir hätten nicht gedacht, dass man ohne inhaltliche Aussage eine Wahl gewinnen kann. Und auch nicht, dass man ohne jedes Nachdenken einfach mal eine Unterschrift auf dem Kandidaturformular leistet. Aber damit müssen wir uns wohl abfinden.

Die StuPa-Arbeit im nächsten Jahr wird nicht besonders angenehm werden; diese Erfahrung mussten wir beim letzten Mal schon machen. Wenn wir den gröbsten Unfug auch nicht verhindern können, werden wir ihn dennoch öffentlich machen. Schmuddelkind wird weiter regelmäßig erscheinen und euch über die Entwicklungen an der Hochschule und anderswo informieren. Ganz Aktuelles wie immer im Internet bei http://www.dll-siegen.de/.

Gute Wünsche

Von: "Ernst Beyer" <anti_antifa@[irgend].[wo]>
8.1.1999, 18:41
Betreff: Eure Webseiten und Aktionen
An: info@dll-siegen.de

Heil Euch Genossen !
Was wollt Ihr überhaupt ? Bleibt da wo Ihr hingehört !
Eure linken Ansichten und Thesen interessieren keinen !!!
Wir hoffen das der ASTA wieder die nötigen Stimmen erhält und seine
bisherige Arbeit fortsetzen kann .
Unterstützung nationaler Kräfte überall !!!
[...] Siegener Bärensturm/SAF

Die "Nibelungen"

sind eine christliche deutsche Studentenverbindung im Wingolfsbund. Weil sie außerdem überkonfessionell, farbentragend und nichtschlagend sind, keine Frauen aufnehmen, formalisierte Saufgelage veranstalten und von ihren Alten Herren Studienfahrten, Parties und Vorträge bezahlt bekommen, glauben sie, schon jetzt eine studentische Initiative darzustellen. Daher hat der ehrenwerte Verband den sehr geehrten Mitgliedern des Studierendenparlaments einen Antrag auf Anerkennung als solche zugestellt.

Zur Vorbereitung der richtigen Entscheidung im StuPa wurde vor der Wahl schnell noch eine Info-Veranstaltung im AStA-Café durchgeführt. Kostprobe: Nein, die Satzung könne man nicht verteilen. Die enthalte einige interpretationsbedürftige Passagen, und daher biete man gerne an, sie mal irgendwann von der Antifa-AG (mit entsprechender Betreuung durch einen Verbindungsfunktionär) lesen zu lassen. Aushändigen wolle man das Schriftstück aber nicht.

Bei besagter Veranstaltung waren neben Bundesbruder Thorsten Bartels (AStA, "Abakus") auch Vertreter von LHG und RCDS anwesend. Sie ließen erkennen, dass einer Anerkennung durch das StuPa nicht viel im Wege stehe. Wäre uns eigentlich egal - wenn schon Kneipenteams und Amateurfunker anerkannt werden, ist die Studentische-Initiativen-Inflation weit gediehen. Neu ist jetzt nur, dass ein ausgewiesen elitärer Verein, der überdies noch 3808 weibliche Studierende (Stand: SoSe 1998) von Mitgliedsrechten, Abstimmungen und offiziellen Veranstaltungen ausschließt, in den Augen der AStA-Koalition auf eine Stufe gestellt werden soll mit Initiativen und Referaten, die dem Schutz von Benachteiligten und Minderheiten verpflichtet sind.

Wie weit sich das Werteverhältnis da bereits verschoben hat, mag die Nachfrage auf der Info-Veranstaltung illustrieren, ob denn nicht das Autonome FrauenLesben-Referat ebenfalls wegen des Geschlechts diskriminiere - dort dürften schließlich auch keine Männer mitarbeiten. Kurz zur Erinnerung: Das FrauenLesben-Referat stellt einen Freiraum für Benachteiligte dar, die trotz auf dem Papier vorhandener Gleichberechtigung immer noch nicht die gleichen Chancen haben wie die männliche Konkurrenz. Eine studentische Verbindung ist dagegen ein freiwilliger Zusammenschluss von Leuten, die bereits im Studium versuchen, die eigenen Karrierechancen qua Kennenlernen Alter Herren in den Führungspositionen der Gesellschaft zu verbessern. Nun ist zweifelhaft, ob Frauen daran gelegen ist, in einem solchen Haufen Mitglied zu werden. Ihnen diese Möglichkeit aber von vornherein zu verwehren, festigt aber die bestehenden Gräben und Diskriminierungsmechanismen.

Ob das Konzept der Aufklärung, schon seit gut vier Jahrhunderten im Rennen, bei soviel Verblödung noch hilft?

VerweisÜbersicht Schmuki 6


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