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Ausgabe 10 · 14. April 2000

Inhalt

Fixpunkte
Mensch Rüttgers
Griechische Mythologie und AStA-Alltag
Big Brother
Pronto?
Gedanken aus dem Hinterwald

Fixpunkte

Herzlich willkommen zum neuen Semester, ob ihr nun als Erstsemester neu an unserer Gesamthochschule oder wieder an den Ort Eurer (Un-) Taten zurück gekehrt seid. Fixpunkte sind uns in den letzten Monaten verloren gegangen, was? Einheitskanzler wurden zu Künstlern im Bereich der Finanzakrobatik, die alten Männerfreunde Kohl und Schäuble wurden zu erbitterten Feinden, aus einem männlichen CDU-Vorsitzenden wurde eine Vorsitzende, ein Wunder das nach Nostradamus erst 2487 hätte eintreten sollen, während die WestLB versucht, mit Hilfe des Marktsegments Polit-Tourismus ein zweites Standbein zu gewinnen. Diskutiert wird derzeit noch, ob auch mit bunten Werbekampagnen im Netz, Fernsehen und den Printmedien VolksvertreterInnenaktien auf den Markt geworfen werden sollen.

Doch damit nicht genug: In der vorlesungsfreien Zeit und kurz davor wurde die BAföG-Reform zurückgenommen, das Hochschulgesetz geändert und die Bistrowiese umgegraben.

Die Zeiten stehen also schlecht für Studierende, die über keinen Geldbeutel ihrer wohlhabenden Eltern verfügen, die nach wie vor Interesse an einer demokratischen Kontrolle des Rektors, seiner ProrektorInnen oder der DekanInnen haben oder einfach nur mit ihren KomilitonInnen den kargen Siegener Sommer genießen wollen.

Doch einige Fixpunkte gibt es doch. Das Schmuddelkind wird Euch in der gewohnt sachlichen Weise über alles wichtige rund um die Hochschule und weit darüber hinaus informieren und auch dieses Jahr heißt es wieder: Heraus zum Roten 1. Mai. In diesem Sinne wünschen wir Euch einen guten Start ins kommende Sommersemester mit viel Sommer, Sonne, Sozialismus.

Mensch Rüttgers,

nachdem du uns anlässlich des vergangenen Kommunalwahlkampfes mit deinem treudoofen Dackelblick und originellen Sprüchen wie "der Rüttgers der Mensch" erfreut hast, dachten wir, weiter lässt sich das Niveau nicht senken. Doch weit gefehlt: Der Rüttgers, der Mensch, setzt noch einen drauf, wie es selbst dein treuer Parteifreund KofferKuliKanther nicht geschafft hätte. Mit “Kinder statt Inder” wolltest du den Vorstoß Schröders, heilige Kühe zu schlachten, verhindern, 20.000 indische Computerspezialisten ins Land zu lassen, da du natürlich weißt, dass Kinderarbeit billiger ist als die von teuren Spezialisten. Und die inländische Playstation- und TombRaider-Generation müsste eigentlich auch in der Lage sein, anstatt Skatebord zu fahren und Techno-Mucke zu hören, für den Wirtschaftsstandort Deutschland ein paar Bits und Bytes zu zählen.

Da einige deiner Parteikameraden nicht über deinen engen nationalen Weitblick verfügen, musstest du deine Kampagne leider ein wenig abändern. “Ausbildung statt Einwanderung” heißt der neue Slogan, der allein deshalb schon unverfänglich ist, weil er Äpfel mit Birnen vergleicht. Doch weiter fabulierst du bei einer Wahlkampfveranstaltung in Siegen: "Mit der Angabe 20.000 indische Computer-Experten in das Land zu holen, werde das deutsche Volk belogen", denn, so führst du weiter aus: "Wenn sie kommen, haben sie Anspruch darauf, ihre Familien mitzubringen". Und wie jeder weiß, sind indische Familien groß und bei knapp einer Milliarde Inder müssen 20.000 Computerspezialisten schon eine ganze Menge Kinder (!), Neffen und Nichten, Enkel und Urenkel, Großneffen und Großnichten, Großenkel und Urgroßenkel haben, die künftig deine deutschen Schweinshaxen oder dein Kalbshirn mit einer gehörigen Portion Curry verderben werden.

Aber du weißt ja: Ausbildung statt Einwanderung, Einbildung statt Auswanderung, Einfalt statt Vielfalt...

Mensch Rüttgers!

Aber auch der Kollege Schröder blickt etwas kurz, wenn er seine Idee mit der Grünen Karte mit der überdurchschnittlichen Globalität der Informationsbranche begründet. Wir sind da etwas altmodischer und halten die Menschenrechte für die globalsten aller Aufgaben. Deshalb wäre es doch angebracht, dass Menschen auf der Flucht vor Hunger, Krieg und Folter in diesem Land auch ohne HTML-Kenntnisse Aufnahme finden könnten.

Mensch Schröder!

Griechische Mythologie und AStA-Alltag

Kapitel 1: Den Augias-Stall ausmisten

Darauf schickte ihn der König Eurystheus zur fünften Arbeit fort, die eines Helden wenig würdig war. Er sollte den Viehhof des Augias in einem einzigen Tage ausmisten. Augias war König in Elis und hatte eine Menge Viehherden. Sein Vieh stand nach Art der Alten in einer großen Verzäunung vor dem Palaste. Dreitausend Rinder hatten da geraume Zeit gestanden, und so hatte sich seit vielen Jahren eine unendliche Menge Mist angehäuft, den nun Herakles zur Schmach und, was unmöglich schien, in einem einzigen Tage hinausschaffen sollte (Aus Schwab: Die Sagen des klassischen Altertums).

Da hatte es Eurystheus mächtig einfacher als der linke AStA, der sich im Februar anschickte, den von seinen bürgerlichen Vorgängern hinterlassenen Stall auszumisten. Herakles konnte auf Grund seines hohen Alters nicht verpflichtet werden, auch sein Amtsnachfolger Schwarzenegger stand nicht zur Verfügung, er filmt am dritten Teil des Döhrminädors. Aber auch sonst wäre die Idee, den AStA durch Umleiten der Sieg zu entrümpeln nicht nur an den geographischen Verhältnissen und dem Veto von NaturschützerInnen gescheitert. Manche neue AStA-ReferentIn wünschte sich zwar mehr als einmal, den Mist einfach wegzuspülen, letztendlich mussten sie sich dann doch daran machen, einfach aufzuräumen. Beim Durchforsten dessen, was die Vorgänger für ihre Akten hielten, fiel ihnen dann auch die eine oder anderer Rarität in die Finger. Die Sammlung von Zeitschriften, deren Inhalt keinerlei sachlichen Bezug zur AStA-Arbeit hat, lassen wir mal beiseite. Wesentlich aufschlussreicher erscheinen doch Arbeitsanweisungen des Vorsitzenden an dessen Finanz- und Kassenreferenten, sie möchten doch ihre Arbeit machen. Die entsprechende Vollzugsmeldung hingegen konnte nicht gefunden werden. Weniger lustig ist die realistische Selbsteinschätzung von RCDS, LHG und Konsorten, mit Geld nicht umgehen zu können, so dass die zuständigen AStA-Referenten einfach zuviel Geld an die VWS und die Bahn überwiesen haben. Insgesamt immerhin mehr als 60.000 DM, vermutlich in der Hoffnung, dass wenigstens die Vertragspartner mit dem Geld gewinnbringend umgehen würden.

Parallel ging der AStA-interne Wettstreit, wieviel Geld passt in den AStA-Tresor fröhlich weiter, wohl in dem Annahme, Zinsen brächten Unglück. Doppelt gemoppelt hält besser, dachte sich wohl der Finanzreferent, als er sowohl die eingegangenen Rechnungen als auch die dazugehörigen Lieferscheine überwiesen hast. Der grosse Arithmetikpreis ging in einer internen Ausscheidung allerdings an Markus Niederastroth der den Übertrag einer Rechnung als Summanden behandelte, diesen erneut zum Endpreis addierte und stolz zuviel überwies. Offensichtlich gilt für den CDU-Nachwuchs, dass es sich bei der AStA-Tätigkeit um eine Qualifizierungsmaßnahme handelt, um dem zunehmenden innerparteilichen Wettbewerbsdruck um intransparentes Finanzgebaren standhalten zu können.

Big Brother

Zlatko fliegt raus, Jürgen bleibt drin und alle schauen gebannt auf einen Haufen debiler Schwachköpfe, die uns Tag für Tag mit dummen Gesprächen, langweiligen Aufgaben oder altklugen Sprüche zu Tode langweilen. Von Orwells Schreckensvisionen bleibt wenig übrig, setzt man voraus, dass man nicht gerade den undankbaren Job von Big Brother selber hätte. Obwohl, der hat ja jetzt eine Stunde frei am Tag, was die gestrenge Medienkommission gegen den Sender durchsetzen konnte. Und während die anderen nun onanieren, wild `rumbumsen oder sich endlich sagen, warum sie einander auf den Tod nicht ausstehen können, legt Big Brother die Füße hoch, schaltet den Kasten ab, isst gemütlich sein Pausenbrot und denkt an die freie Zeit danach.

Doch ein paar Spezialisten aus der CDU haben das Thema aufgegriffen und denken daran, die schönsten deutschen Plätze - und in einem so schönen Land gibt es fast nur schöne Plätze - per Videokameras überwachen zu können, um die organisierte Kriminalität der hierzulande üblichen gepflegten Langeweile aus den Innenstädten zu vertreiben. Doch im Unterschied zu den mediengeilen Trotteln der Fernsehserie, die sich voller Lust dem Publikum zur Schau stellen, zielt der CDU-Vorstoß darauf ab, gegen den Willen der Betroffenen Videoaufzeichnungen zu machen, die Verwendung des Materials zu verschleiern und ohne hinreichenden Verdacht zu kriminalisieren. Doch Widerstand regt sich kaum. Überhaupt scheint es aus der Mode gekommen zu, für Bürgerrechte einzutreten, deren Substanz noch Ende der siebziger Jahre unantastbar schien.

Man denke nur an den breiten Widerstand gegen die letzte große Volkszählung, die immerhin dem Schnüffelbedürfnis des Staates einen kleinen Riegel vorschieben sollte, die Einrichtungen von Datenschutzbeauftragten, die die Interessen der Bevölkerung gegenüber den Verwaltungen und der Bürokratie vertreten sollten. Deren Berichte über immer schlimmere Zustände werden übrigens immer weniger gehört.

Mittlerweile stimmt sogar ein großer Teil der Siegener Studierenden über eine fadenscheinige Publikumsumfrage der Hochschulverwaltung der Einführung einer Multifunktionskarte zu, ohne genau wissen zu wollen, was mit den Daten geschieht und welche Daten überhaupt miteinander abgeglichen werden können bzw. wer dafür sorgen will, dass es eben nicht geschieht. Es ist ja schließlich auch egal. Hauptsache, die Karte ist klein, passt ins Portemonnaie und zum Handy. Man hat ja schließlich nichts zu verbergen, und neue Medien sind geil.

Bei soviel Ignoranz wünscht man dem Vorstoß der CDU beinahe Erfolg. Dumme Gesichter, langweilige Gespräche und schlechte Unterhaltung. Dabeisein ist alles, und vielleicht lässt man euch ja auch noch eine Stunde onanieren...

Pronto?

Wo wir doch gerade beobachten lassen: Den goldenen Kübel in dieser Disziplin haben sicherlich die Genossen der Stasi verdient. Anders als Urlaubsreisen machten deren Ohren an der eigenen Westgrenze nicht halt. Unverständlicherweise hatten sie auch westdeutsche Spitzenpolitiker auf der Liste. Damals zählte Rechsststaatlichkeit wenig, das soll heute ja anders sein. Daraus ergebe sich, dass die Hörspiele weder für die Ohren der Öffentlichkeit gedacht sind, noch für die irgendwelcher Gerichte oder gar Untersuchungsausschüsse. Insofern schreien die Betroffenen zu Recht auf, man könne doch nicht einfach auf Tonbändern nach den ehrenwortlich geheimgehaltenen Spendernamen suchen. Einen etwas bitteren Beigeschmack verleiht jedoch, dass sie seinerzeit bei der Diskussion um den Großen Lauschangriff (quasi die Stasi für Wessis) ebenso laut tönten, wer nichts zu verbergen habe, brauche auch nichts zu befürchten. Dann, liebe Politganoven, haltet Euch auch dran, fürchtet Euch leise und verbergt, was Ihr zu verbergen habt!

Gedanken aus dem Hinterwald

Metropolengedanken und Resignation

Weltoffen und dreisprachig präsentiert sich die “University of Siegen” um Studierende aller Welt in die Großstadt Siegen zu locken. Die Weltstadt mit Herz wird angepriesen mit pointierten Beschreibungen wie “eine Industrieregion und eine der waldreichsten Gegenden Deutschlands” und Magnifizenz Albert H. schwärmt von dem reichhaltigen kulturellen Angebot und der vielfältigen Gastronomie. Sicher kennt er, da er schon länger da ist als der eine oder andere Erstie, so manchen Geheimtipp, welcher es ihm spielend ermöglicht, jeden Tag einen neuen Farbtupfer der Provinz voll Leben zu genießen. Wie wäršs mit a bisserl Ehrlichkeit und dem Slogan: “Mist lernen, könnt Ihr überall, bei uns könnt ihr ihn auch noch riechen.” oder: “Hochschule in der Region in Hörsaal und Hauberg Nummer Eins in NRW”?

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